2016 - Jahr der Barmherzigkeit

Das „Jahr der Barmherzigkeit“ ist noch nicht zu Ende

 ...Erfahrungen aus einer Hamburgreise der „Gastkirche“ im Oktober 2016

Im „Jahr der Barmherzigkeit“ hatte im Bistum Münster neben Münster (Dom), Kevelaer (Marienbasilika), Oldenburg (Forum St. Peter) auch Recklinghausen mit Gastkirche/Gasthaus „offiziell“ eine „Pforte der Barmherzigkeit“.

HamburgBeispielhaft und stellvertretend für viele, unterschiedliche Formen gelebten Christseins bistumsweit sollten diese „Pforten“ den verschiedenen Formen von Barmherzigkeit ein Gesicht geben.

Da Gastkirche und Gasthaus sich sowohl in einem diakonisch/sozialen Auftragals auch als Citykirchenort verstehen und ein Blick über den „Tellerrand“ immer bereichernd wirken kann, haben sich im Oktober 13 Personen (darunter der 8-köpfige Gasthausrat) für drei Tage auf den Weg nach Hamburg gemacht.Sie haben dabei Einrichtungen besucht, welche in ähnlicher Weise arbeiten wieGastkirche/Gasthaus und sind auf Menschen getroffen, die dem Evangelium (der frohen Botschaft) in der Stadt ein Gesicht geben.

Die erste Station am Nachmittag unseres Ankunftstages ist das „Ökumenische Forum Hafencity“. Hamb 1Dieses 2002 gestartete Projekt ist beheimatet in der immer noch weiter expandierenden Hafencity. In beeindruckender Weise getragen von 21 (!) christlichen Kirchen wird hier mit einem Kapellenraum für diverse Angebote, einem Cafe mit angeschlossenem Weltladen und einer 50-köpfigen ökumenisch-orientierten Hausgemeinschaft versucht, dem Christentum in einer überwiegend säkularen Stadt ein Gesicht zu geben. Dabei tritt dieses Projekt nicht in Konkurrenz zu den bestehenden christlichen Ortsgemeinden, sondern setzt in der äußerst mondän und futuristisch wirkenden Hafencity gewissermaßen Akzente für das, was es neben den glänzenden Wirtschafts- und Wohnfassaden auch noch gibt: Die Flüchtlinge in der unmittelbaren Nachbarschaft, die Suche nach geistiger Orientierung, das Bewusstsein für die ganze Welt, das Bedürfnis nach Gemeinschaft.

Hamb 2In der „Rathauspassage“, welche wir am nächsten Morgen besuchen, findet sich ein ganz anderer Ansatz einer „frohen Botschaft“. Direkt vor dem Rathaus und unter dem Rathausmarkt gibt es die Rathauspassage, eine unterirdische Welt, die in erster Linie dazu dient , U- und S-Bahnen miteinander zu verbinden. Neben Menschenströmen, welche tagtäglich diese Bereiche frequentieren, gibt es in solchen „Unterführungen“ oft diverse Ladengeschäfte.   

Dabei findet – wie auch bei uns im Ruhrgebiet erlebbar- manchmal eine nicht 

Hamb 4 gewollte Entwicklung statt, dass diese Passagen irgendwie „verkommen“ und für eine Stadt höchst unattraktiv werden. Aus diesem Grunde bot 1998 die Stadt Hamburg der Diakonie die Passage zur Nutzung an. Dadurch ist im Laufe der Zeit ein alternativer sozialer Marktplatz unter der Stadt entstanden.

Heute gibt es hier ein äußerst gut bestücktes Buchantiquariat, ein Bistro, einen Fair-Trade-Shop, eine vernetzte „Hamburg“- und „Kirchen“-Information, einen kleinen Veranstaltungsraum für Initiativen und Angebote, einen gut sortierten „Second-Hand“ Modeladen sowie eine saubere Toilettenanlage. Die „frohe Botschaft?.... Die Ausrichtung des Angebots orientiert sich an den Maßgaben: fair, sozial, nachhaltig, regional.

Hamb 3Und...Hier ist gleichzeitig ein Modellprojekt für die Beschäftigung von Arbeitslosen entstanden. Mittlerweile finden hier 20 Menschen, welche auf dem „normalen“ Arbeitsmarkt nicht vermittelbar sind, eine Beschäftigung. Dass diese Beschäftigung in den meisten Fällen auch sehr sinnvoll und erfüllend sein kann, erleben wir z.B. an dem verantwortungsbewussten Auftreten der Mitarbeiterin im Antiquariat, in der engagierten Modeberatung im Second-Hand-Shop, in der professionellen Durchführung der Bistroarbeit,..              

Wie dieses Projekt auch von der Bevölkerung angenommen wird, erkennt wir daran, dass die Besucherstruktur der diversen Angebote sich nicht unterscheidet von der der Menschen, welche wir „oberirdisch“ auf dem Rathausplatz – also in „bester“ Lage- wahrnehmen.Hamb 5

Der zweite Teil unseres heutigen Besuchsprogramms hat den Schwerpunkt „St. Pauli“. Diesem eventuellen Reizwort stehen zunächst etwas ernüchternd die Namen der Einrichtungen gegenüber, welche wir besuchen, nämlich „Teestube Sarah“ und „Haus Betlehem“.

In der „Teestube Sarah“ am Hans-Albers-Platz treffen wir im ersten Stock eines kleinen, alten Hauses mitten in St.Pauli auf einen etwa 60 Jahre alten Mann (von Beruf Physiker und seit 30 Jahren dabei) und eine etwa gleichaltrige, sehr couragiert auftretende Frau, welche sich mit zur Zeit 8 weiteren Menschen im Projekt „Teestube Sarah“ engagieren.                                                                

Vor 35 Jahren waren dem aus Österreich stammenden und inzwischen verstorbenen Werftarbeiter Otto Oberforster auf seinem Weg zur Arbeit die Frauen auf dem Straßenstrich aufgefallen. Sie taten ihm irgendwie leid und er kümmerte sich um sie, indem er mit einem kleinen Karren abends zu ihnen ging, ihnen Süßigkeiten und bei Bedarf auch Kondome schenkte und vor allem mit ihnen redete. Aus der Weiterverbreitung dieses Handelns entwickelte sich der Verein „Teestube Sarah“, dessen Mitglieder im Grunde nichts anderes tun, indem sie abends zu zweit im Rahmen ihrer Möglichkeiten den Straßenstrich Süderstraße und die Herbertstraße aufsuchen.Hamb 6

Sie verteilen nach wie vor kleine Geschenke und reden „über Gott und die Welt“. Sie wollen nicht missionieren und moralisieren, sondern den „Sexarbeiterinnen“ das Gefühl geben, dass auch sie einzigartige und wertvolle Geschöpfe sind. Unsere beiden Gesprächspartner berichten, dass dabei natürlich alles nur in größter Freiwilligkeit ablaufe und sie von vielen Prostituierten sogar erwartet und weiterempfohlen würden. Beeindruckt nehmen wir als Besucher zur Kenntnis, wie unsere Gastgeber ihre Kontakte mit diesen oft ausgegrenzten Menschen aufgrund des entgegengebrachten Vertrauen als Bereicherung für sich selbst empfinden. Gemeinsamer Treff- und Austauschpunkt ist für die Mitarbeiter des von einigen Spendern finanzierten Vereins der monatliche gemeinsame, ökumenisch oder konfessionell gestaltete Gottesdienst in der „Teestube Sarah“.                                                                                         

Und hier schließt sich nach Aussage unseres (evangelischen) Gesprächpartners der Kreis: Wenn er im Gottesdienst Wandlung erlebe, so werde ihm dankbar bewusst, dass auch seine Arbeit auf dem Straßenstrich für ihn persönlich eine Wandlung darstelle.

Direkt gegenüber dem Eingang des St.Pauli-Stadions liegt das „Haus Betlehem“. In dem mehrstöckigen, äußerlich unauffälligen Gebäude – nur eine Marienfigur über der Eingangstür fällt aus dem „Einerleirahmen“- leben fünf Schwester des Ordens der Mutter Teresa. Eine liebenswürdige 75 Jahre alte Nonne –aus Schwaben stammend- erzählt engagiert von ihrer Arbeit und führt uns durch das Haus. Die fünf Frauen (die jüngste ist 28 Jahre!) kommen aus verschieden Ländern (ihre Umgangssprache ist Englisch) und leben gemäß dem Wahlspruch „ora et labora“ (Bete und arbeite).                    

Hamb 7Die Nonnen versorgen wochentags 50 bis 60 Menschen mit einem erweiterten Frühstück, das dem Begriff „Suppenküche“ gerecht wird, sowie an Sonn- und Feiertagen ca. 100 bis 150 Menschen mit einem Mittagessen. Darüber hinaus betreuen sie ihre Gäste bei Bedarf in Krankenhäusern und Gefängnissen. In der obersten Etage des Hause finden bis zu 8 obdachlose Frauen vorübergehend Unterkunft. In der zweiten Etage über dem Küchen- und Essbereich stehen für die Wintermonate bis zu 15 Übernachtungsplätze für Männer bereit. In der dritten Etage des Hauses, dessen Gründung auf Mutter Teresa persönlich zurückgeht, befindet sich der Wohnbereich der Nonnen sowie eine äußerst schlicht gestaltete Kapelle.

Beeindruckend ist, mit welcher Selbstverständlichkeit die Frauen ihre sicherlich nicht immer einfachen Gäste annehmen. Auch hier scheint das Ziel zu sein,

Hilfe zu geben ohne zu fordern. Was sie aber fordern ist das gemeinsame Gebet –auch wenn es im Schweigen besteht- vor dem Essen.

Überall im Essraum ist in großen Buchstaben das Vaterunser in verschiedenen Sprachen aufgeschrieben. Das soll aber keiner Missionierung dienen. Von der Kraft des Gebetes sind die Schwestern und vielleicht nur einige ihrer Gäste überzeugt. Wenn aber dieses Gebet von allen gesprochen wird, so ist es nach Meinung der Schwestern auch eine Möglichkeit gegenseitig Toleranz zu üben.

Am Rückreisetag fahren wir per Bahn einen Umweg über Oldenburg. Das „Forum St. Peter“ ist wie das Kirchenforum in Münster und die Gastkirche mit Gasthaus ein vom Bistum Münster besonders herausgestelltes Citykirchenprojekt. Entgegen der landläufigen Meinung vom katholischen Oldenburg erfahren wir, dass die Stadt Oldenburg ähnlich sehr stark säkularisiert ist wie Hamburg und die Vorstellung vom „katholischen“ Oldenburg allenfalls auf das südliche Oldenburger Land zutrifft. Im „Forum St. Peter“ nehmen wir zunächst an einem monatlich stattfindenden, offenen Angebot teil, einer mittäglichen Lesung mit einem gleichzeitigen Essen. Durch solche offenen Angebote versucht das Forum, verschiedene Personengruppen auch aus dem nichtkirchlichen Raum anzusprechen. Ähnlich dem Gasthaus werden offene Gesprächsangebote gemacht. Die alte Pfarreikirche St. Peter wird ähnlich wie Gastkirche als Citykirche mit gottesdienstlichen Angeboten verstanden. Das eigentliche Forum ist ein neuerrichteter Bau, in dem neben einer Informationstheke, einem kleinen Bistro, einer Leseecke, Veranstaltungsräumen auch Einrichtungen wie Caritas und SkF mit Beratungsmöglichkeiten untergebracht sind.Hamb 9

Fazit unserer Reise nach Hamburg: An allen 5 Programmpunkten wird sichtbar, wie unterschiedlich Barmherzigkeit gelebt werden kann.

Barmherzigkeit zeigt(e) sich gemäß dem „alten“ Dreierschritt „Sehen –Beurteilen - Handeln“ in diesem Ablauf: 1. Menschen erfahren, wahrnehmen, mit Willkommenskultur begegnen   2. Menschen in ihrem Sein annehmen, tolerieren, respektieren, nicht zu verbessern/umzustimmen/ zu missionieren wollen 3. Menschen- ohne bloß zu stellen- helfen/Angebote machen.

Wenn dabei auch noch etwas von einem christlichen Menschenbild erkennbar durchscheint, eventuell sogar nachahmenswert erscheint--- umso besser!

Insofern ist das Jahr der Barmherzigkeit noch nicht zu Ende!

Gregor Kortenjann