2016 - Jahr der Barmherzigkeit

IMPULS: Barmherzigkeit und Gerechtigkeit: die zwei Seiten einer Medaillie

Ja, es mag jedem von uns, unserer Gesellschaft und der Kirche in dieser Zeit gut tun: Barmherzigkeit – auch wenn der Begriff etwas „angestaubt" wirkt. Deutlich wird mir das, wenn ich an die Unbarmherzigkeit denke,

- mit der ein Menschen einem anderen das Leben zur Hölle machen kann;

- mit der unsere Gesellschaft Menschen „auf der Strecke lässt“, weil sie nicht mehr leistungsfähig genug    sind

- mit der in der Kirche nach wie vor Frauen in vielen Bereichen ausgegrenzt werden...

Barmherzigkeit tut Not – nicht nur in diesen beispielhaften Punkten.Daher sind wir eingeladen, sie einzulassen und zuzulassen in unserem Leben. Aufgrund der Erfahrung von Unbarmherzigkeit wissen wir, daß Gerechtigkeit zur Barmherzigkeit dazugehört. Mit dem Herzen gut zu sehen, meint den Blick auf Augenhöhe – und das hat mit Würde, Respekt und gleichem Wert zu tun.

Zu viele Menschen erfahren keine – oder kaum – Barmherzigkeit. Ihnen sind viele Türen verschlossen, sie werden nirgends erwartet und ihr Selbst mag sich manchmal nicht mehr in die eigenen Augen schauen. Gerechtigkeit bleibt eine schmerzhafte Sehnsucht für sie:

Ich denke an unseren Ort von Gasthaus und Gastkirche an die Menschen,

die der Arbeitsmarkt bei uns im Ruhrgebiet „ausspuckt“- und nicht mehr „braucht“.

Zu alt, zu jung, nicht qualifiziert genug, nicht genügend belastbar, nicht flexibel...-

das sind die Stempelkarten mit denen Menschen „ausgestempelt“ werden.

Oder ich denke an psychisch kranke Mitmenschen, die von vielen gemieden werden, die kaum Kontakte haben und kaum Orte, wo sie so sein können, wie sie sind.

Mir fallen auch die ein, die durch irgendeinen Schicksalsschlag oder durch die

Bedingungen ihrer Kinder- und Jugendzeit „den Boden unter den Füßen verloren haben“ - und damit oft Arbeit und Wohnung, Kontakte und Beziehungen. Die dann

oft suchtkrank geworden sind, weil das Suchtmittel nicht nur zerstört, sondern auch

„tröste", „Halt gibt" - oder schlicht den Schmerz „betäubt" und „schöne Momente" eröffnet.

Ich denke an die Trauernden, die zu uns kommen – mit ihrem Schmerz und Leid...

An vielen anderen Orten in unserer Stadt – und auch andernorts - gibt es „Türen der Barmherzigkeit“, wo Menschen ERWARTET werden: Gott sei Dank!

Wenn wir uns als Menschen menschlich begegnen, auf Augenhöhe, kann die Not der anderen uns berühren.

Die Tür der Barmherzigkeit am Gasthaus mag uns einladen, der Barmherzigkeit die Tür in unserem Leben zu öffnen – und damit auch den Blick für die Unbarmherzigkeiten unserer Tage zu schärfen.

Willkommen!

Ich bin mir sicher, daß Gottes Barmherzigkeit uns überrascht …

Für Kommunität und Gasthausrat an der Gastkirche –

Ludger Ernsting