2016 - Jahr der Barmherzigkeit

Martin Luther und der barmherzige Gott

Für Martin Luther war die Frage nach einem gnädigen Gott existentiell. Ist damit die Suche auch nach der Barmherzigkeit Gottes gemeint?

Pfarrerin Baucks ist darauf in ihrer Predigt am 24.1.2016 eingegangen:

Liebe Brüder, liebe Schwestern!

Sie haben sich in der Gastkirche auf das von Papst Franziskus ausgerufene Jahr der Barmherzigkeit eingelassen. Gut so! Obwohl ich mal behaupte: Ende 2016 sind Sie mit dem Thema noch nicht fertig – auch wenn Sie ja nun wirklich viele beeindruckende Veranstaltungen geplant haben.

Barmherzigkeit ist schlicht nicht nur ein Jahres-, sondern ein Lebensthema. Oder sollte es sein! Trotzdem ist ja gerade hochaktuell. Denn ich habe den sehr unbehaglichen Eindruck, dass in diesem Jahr entschieden wird, welchen Weg wir in Deutschland gehen: den der Abgrenzung und der Gefühllosigkeit … oder eben den Weg der Barmherzigkeit!

Es ist beklemmend, dass es ein so aktuelles Thema ist, eben weil’s uns daran mangelt! Den Biedermännern und Brandstiftern, in Ostdeutschland, aber auch ganz in der Nähe, wie jetzt in Marl, die mitleidlos gegen Flüchtlinge hetzen, auch wenn sich ihr Leben durch diese Menschen gar nicht verändert.

Oder die jungen Männern, die ihren Lebenssinn darin erkennen, als menschliche Bomben Unschuldigen das Leben zu zerreißen. Denen jedes Mitleid, jede Barmherzigkeit fehlt – selbst wenn sie den Menschen, die sie ermorden werden, ins Gesicht sehen. Und auch uns fehlt sie oft, wenn wir uns mit der Ungleichheit der Lebenschancen in unserem Land, auf dieser Erde viel zu sehr abfinden.

Hartherzigkeit statt Barmherzigkeit.

Martin Luther hat vor beinahe 500 Jahren Folgendes gepredigt: Nun weiß aber jeder Mann wohl, was barmherzig heißt, nämlich, ein solcher Mensch, der gegen seinen Nächsten ein freundlich, gütig Herz trägt, Mitleid mit ihm hat, und sich seiner Not und Unglückes, es betreffe seine Seele, Leib und Gut, mit Ernst annimmt, und sich so zu Herzen gehen lässt, dass er denkt, er ihm helfen kann. Beweist dies auch mit der Tat und tut es mit Lust und Freude gern.

Sagt Luther. Stimmt ja als Definition auch. Nur die Behauptung, dass jeder weiß, was barmherzig heißt, stimmt heute nicht mehr. Für die Jüngeren ist es schlicht ein altmodisches und komisches Wort. Und bei den Älteren, die den Begriff kennen, bekommt Barmherzigkeit schnell diesen herablassenden Klang: „Da will ich mal barmherzig sein.“

Wir, die Reicheren neigen uns zu den Ärmeren und geben was – der Blick von oben nach unten. Das Wort ‚Almosen‘ hat im Griechischen eine erkennbare Nähe zu dieser Bewegung von oben nach unten.

Wenn wir aber in der Bibel nachgucken, dann hat es eher etwas damit zu tun, dass wir tiefer in die Person hinein gucken, hinter der Fassade Not und Elend erkennen und uns berühren lassen - so wie es Luther ja auch beschreibt.

Es ist schön, dass im Deutschen und vorher im Lateinischen das ‚Herz‘ die Richtung angibt.

Man sieht nur mit dem Herzen gut! Stimmt!

Beinahe noch hübscher ist’s im Hebräischen: da heißt

‚Racham‘ – also ‚Erbarmen‘ auch ‚Mutterschoß‘.

Das ist doch geradezu beglückend: Erbarmen ist der Ausgangspunkt für neues Leben. Erbarmen kann bewirken, dass menschliches Leben entsteht.

Die Frage, die mich umtreibt, eben auch als Pfarrerin, die seit einigen Jahren an einem Berufskolleg arbeitet, ist die, wie wir die Barmherzigkeit wachsen lassen können. Was wir gegen diese Gefühllosigkeit tun können, die sich auszubreiten scheint. Und wenn’s nur im Kleinen ist!

Das ich da keine Lösung habe, ist mal klar. Aber ich will mich wenigstens in der richtigen Richtung bewegen.

Ich sehe die Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Unterricht, und stelle fest: die Schülerinnen und Schüler sind vielleicht nicht auf der Suche nach Barmherzigkeit, aber es gibt eine tiefe Sehnsucht nach Gesehen-werden, nach Anerkennung.

Nach den großen Likes, z.B. für einen geteilten Beitrag auf Facebook. Denn da teile ich nicht, was interessant und wichtig ist, sondern das, womit ich gut aussehe.

In Digitàlistan stelle ich mich einfach selbst zu den Guten. Die Crowd soll es bestätigen. Und wenn es darum geht, ob ich ein gutes Leben gelebt habe, ob ich damit gut dastehe, müssen andere nur noch meine Timeline nach unten scrollen.

Es mag Ihnen komisch vorkommen, wenn Sie Ihre Kinder, Ihre Enkel angucken, die das Smartphone nicht mal zum Kaffeetrinken aus der Hand legen, Sie mögen auch verletzt sein, weil die Priorität so deutlich gesetzt wird, aber es geht um Anerkennung. Um Bestätigung. Sie machen’s halt anders als die Jugendlichen. Aber so anders sind Sie und ich gar nicht. Das behaupte ich mal fröhlich, ohne Sie zu kennen: uns treibt ein tiefer Wunsch nach Anerkennung, nach Bestätigung, dass wir gut sind, wie wir sind.

Umso dringender, weil man auch heftig abstürzen kann: fast jeder junge Mensch wird mal Opfer von Cyber-Mobbing. Die öffentliche Präsentation: „Du genügst nicht! Du bist schlecht! Wir wollen nichts mit dir zu tun haben!“ Das hat schnell traumatische Folgen.

Als Evangelische denke ich natürlich auch an Luthers Trauma: „Ich genüge nicht! Ich bin schlecht! Gott will mit mir nichts zu tun haben!“

Luther sucht die Anerkennung bei Gott. Er sucht lange vergeblich. Weil er sich Gott als kleinlichen Richter vorstellt, der – ‚Big Brother is watching you‘ – noch in der letzten Gehirnzelle verwerfliche Gedanken aufspürt.

Dann die Entdeckung bei einem biblischen Text von Paulus, die alles ändert: Gott weiß in der Tat, dass wir nicht genügen. Gott schaut in der Tat tiefer in uns hinein, als wir das selbst können.

Aber… Gott spricht uns frei. Gott sieht uns mit einem liebenden Blick an. Obwohl wir nicht genügen.

Luther hat das auf eine so tiefe Weise von seinen Selbstzweifeln, von seinen Verdammungsängsten befreit, dass er sich ganz in diesen gnädigen Gott fallen lassen konnte: Allein die Schrift – durch die er die Befreiung erfahren hat. Allein Christus – der ihm den gnädigen Gott zeigt. Allein aus Gnade – eigene Werke sind unnötig, jedenfalls dann, wenn sie der Selbstrechtfertigung dienen sollen.

Eine ganz elementare Erfahrung von Befreiung:

die Verheißung Gottes gilt auch mir – obwohl ich bin, wie ich bin. Weil Gott mich liebt.

Eine ganz elementare Erfahrung von Befreiung:

wir hören das Evangelium von heute als eine gute Nachricht für dich und für mich. Wir hören, was Jesus von Nazareth damals sagte: Der Geist Gottes ruht auf mir; denn Gott hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe.

Und wir hören eben auch, wie schlicht und bestimmt er diesen damals schon alten Text auslegt. Er sagt einfach: Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt. Punkt. Fertig. Und es gilt bis heute: wir dürfen darauf vertrauen, dass auch uns die Entlassung verkündet ist, dass auch wir in Freiheit gesetzt sind.

Weil Gott uns liebt. So wie wir sind. Punkt. Fertig.

Ein wesentlicher Schritt zu mehr Barmherzigkeit ist der, dass wir das in unser Herz lassen. Ganz tief hinein.

Wir sind gut, so wie wir sind. Weil Gott das so will.

Weil Gott barmherzig und gnädig ist, geduldig und von großer Güte. Wir müssen nichts beweisen, weder Gott und uns noch unserem Nachbarn.

Wenn wir das – wie Maria – immer wieder in unserem Herzen bewegen, wächst Barmherzigkeit. Dieses Geschenk Gottes will sich ausbreiten, in uns und darüber hinaus. Barmherzigkeit gebiert Barmherzigkeit! Die alte Kirche hat ja die sieben Werke der Barmherzigkeit benannt, bis heute wird darüber nachgedacht – wie ja auch die Ausstellung von Fred Voss zeigt – bis heute tut’s die Kirche, die evangelische, die katholische, die anglikanische, die orthodoxe.

Wir üben als Christinnen und Christen, als Töchter und Söhne Gottes den barmherzigen Blick ein. Den Blick mit dem Herzen.

Und damit schalten wir nicht den Verstand aus.

Wir werben nicht für die rosarote Brille. Trotzdem – versuchen Sie’s mal. Ganz konkret. Denken Sie mal kurz darüber nach, wer Sie in Ihrem Alltag im Moment am meisten nervt.   …..

Haben Sie eine Person vor Augen? Sollte eigentlich klappen! Wenn Sie mögen, dann versuchen Sie bei den nächsten drei bis fünf Begegnungen mit diesem Menschen mal einen kleinen Trick: Gucken Sie sich diese Person schön!

Meint: Suchen Sie bewusst das Nette an diesem Menschen, das, was er dann doch kann. Auch wenn’s Ihnen schwer fällt. Auch wenn Sie vielleicht lange suchen müssen. Und konzentrieren Sie sich darauf. Vielleicht können Sie diese Person loben, wenn sie etwas nicht so Furchtbares gesagt hat. Vielleicht lächeln Sie sie mal an – auch wenn’s schwer fällt.

Gucken Sie sich den Menschen schön! Ich kann es Ihnen beinahe versprechen: Sie werden eine Überraschung erleben.

Bei mir klappt’s jedenfalls immer mal wieder, dass der Kreislauf der negativen Erwartung durchbrochen wird.

Zuerst bei mir, dann auch bei der anderen Person.

Das ist nun noch keine Barmherzigkeit, aber – finde ich jedenfalls – ein Schritt in die richtige Richtung.

Eine Entscheidungssache, ohne Gefühlsduselei!

So machen Sie’s in der Gastkirche und im Gasthaus ja auch: Sie haben entschieden, dass Sie die, die sonst Obdachlose heißen, also auf ihren Mangel hin definiert werden, Freunde der Straße nennen.

Das ist erst einmal eine Kleinigkeit, die aber die Blickrichtung zum Besseren, zur Hoffnung hin ändert.

Wir machen’s ja grad anders: wir gucken uns alles schlecht. Ein Blick in die Zeitung reicht.

Wir können grad dabei zugucken, wie es kippt – kaum noch eine Erinnerung an die Willkommenskultur.

Eine völlig aufgeschaukelte, hochaggressive Negativstimmung.

Dass die 62 reichsten Menschen so viel besitzen wie die ärmere Hälfte aller Nationen ist dann nur eine kleine Notiz, kein Grund zur Aufregung.

Statt dass wir zugeben, dass wir gerade eine Über-forderungskrise erleben, reden wir von Flüchtlingskrise. Klar ist das ein Problem, das nicht mal eben zu lösen ist.

Und wir werden auch hier unterschiedliche Ansichten haben. Das ist ja erst mal auch nicht schlimm. Aber ich glaube fest, dass der andere, der barmherzige Blick hilft. Auf die Flüchtlinge zum einen. Die – so ist das – auch nicht alles liebe Schätzchen sind.

Und der Blick auf die anderen: die immerhin vier Millionen Menschen in Deutschland, die sich regelmäßig in der Flüchtlingshilfe engagieren. Vier Millionen!

Das ist doch nicht wenig!

Gucken wir auf die und die vielen anderen, die sich an anderer Stelle ehrenamtlich einbringen. Gucken wir auf das, was gelingt und benennen wir gleichzeitig die Probleme. Klar und deutlich, aber mit dem Blick des Herzens.

Ich glaube fest, dass es leichter fällt, wenn wir einen Bezugspunkt außerhalb von uns haben. Wenn wir nicht nur um uns selbst kreisen müssen, weil wir nichts anderes haben.

Wenn Menschen eine Ahnung von dem Geheimnis haben, das wir Gott nennen. Von einer Gottheit, die auf uns bezogen ist, die uns zu sich ziehen will.

Wenn ich dann nur den Richter sehe – wie Luther lange Zeit – dann gucke ich allerdings auf meine Schuld, auf meine ganz grundsätzliche Sünde. Und jedes Bemühen um Veränderung scheitert am Unvermögen.

Wenn ich den mütterlichen Vater sehe, die Quelle meines Lebens, die Tiefe jedes Daseins, dann geht mir mein Herz auf. Ich bin geborgen, ich bin angenommen. Und ich kann annehmen. Mich selbst. Und andere.

Barmherzigkeit einzuüben, wenn ich auf wackeligem Boden stehe, wenn mich Selbst- und Fremdzweifel runterdrücken, das klappt nicht. Man kann mit dem Höllenhund niemand in den Himmel jagen.

Es macht nur Angst. Und Angst macht eng.

So hat es Jesus Christus gesagt: Der Geist Gottes ruht auf mir; denn Gott hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe. Und: Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.

Das stimmt! In diesem Menschen aus Nazareth ist das breite Tor zum Reich Gottes aufgegangen. Mitten unter uns können wir es erkennen.

Aber wir warten auch noch: „Arme habt ihr allezeit bei euch.“ Das hat Jesus den Kritikern erwidert, als sie bemängeln, dass eine Frau ihn mit kostbarem Öl salbt.

Das Gottesreich ist schon da. Das Gottesreich ist noch nicht da. Barmherzigkeit wächst, Barmherzigkeit wird von Hartherzigkeit überwuchert.

Aber die Barmherzigkeit ist stärker. Auch wenn’s grad so ganz anders aussieht. Gottes Barmherzigkeit hört nicht auf. Und sie gebiert unsere Barmherzigkeit.

Trotz allem: arbeiten wir daran mit, dass in unserem Land die Barmherzigkeitskultur wächst, dass in unserem Land die Barmherzigkeitskultur wieder geschätzt wird.

Und, das gehört dazu, dass aus der Barmherzigkeit Gerechtigkeit entsteht.

Der barmherzige Samariter wäre kein Vorbild, wenn er jeden Tag aufs Neue jemanden versorgt, der unter die Räuber gefallen ist. Das ist der erste Schritt, klar. Danach muss man Strukturen entwickeln, die Recht und Gerechtigkeit befördern. Menschen, die sich von dem Blick mit dem Herzen leiten lassen, bringen neue Lebensformen zur Welt. Sie packen an, wo es noch keine gesellschaftlichen Problemlösungen gibt, sie machen auf Probleme aufmerksam, die dann auch gesellschaftlich gelöst werden müssen. Racham – Erbarmen – Mutterschoß. Neues wächst. Neue Lösungen entstehen. Barmherzige Menschen wollen ja nicht die dauernde Abhängigkeit anderer Menschen von ihrer Zuwendung. Sie wollen Gleichberechtigung. Gemeinsames Leben auf Augenhöhe.

Es lohnt sich die Blickrichtung zu ändern: ich kann vor Angst erstarren, wenn ich die Nachrichten lese, wenn ich höre, was immer mehr sich an Unmenschlichem zu sagen trauen. Aber ich kann auch auf Gott schauen.

Auf seine liebevolle Zuwendung zu uns allen. Wirklich zu allen.

Ich will lernen, mit dem Herzen zu sehen, und mithelfen, dass aus Barmherzigkeit, wie aus einem Mutterschoß neue Barmherzigkeit entsteht. Neues Leben. Hoffnung. Trotz allem. Weil Gott das will.