2016 - Jahr der Barmherzigkeit

PREDIGT zu  BARMHERZIGKEIT- ein ökumenisches Wort

evgl. Pfarrerin S. Baucks, Recklinghausen

Liebe Brüder, liebe Schwestern!

Sie haben sich in der Gastkirche auf das von Papst Franziskus ausgerufene Jahr der Barmherzigkeit eingelassen. Gut so! Obwohl ich mal behaupte: Ende 2016 sind Sie mit dem Thema noch nicht fertig – auch wenn Sie ja nun wirklich viele beeindruckende Veranstaltungen geplant haben.

Barmherzigkeit ist schlicht nicht nur ein Jahres-, sondern ein Lebensthema. Oder sollte es sein! Trotzdem ist es ja gerade hochaktuell. Denn ich habe den sehr unbehaglichen Eindruck, dass in diesem Jahr entschieden wird, welchen Weg wir in Deutschland gehen: den der Abgrenzung und der Gefühllosigkeit … oder eben den Weg der Barmherzigkeit!

Es ist beklemmend, dass es ein so aktuelles Thema ist, eben weil’s uns daran mangelt! Den Biedermännern und Brandstiftern, in Ostdeutschland, aber auch ganz in der Nähe, wie jetzt in Marl, die mitleidlos gegen Flüchtlinge hetzen, auch wenn sich ihr Leben durch diese Menschen gar nicht verändert.

Oder die jungen Männer, die ihren Lebenssinn darin erkennen, als menschliche Bomben Unschuldigen das Leben zu zerreißen. Denen jedes Mitleid, jede Barmherzigkeit fehlt – selbst wenn sie den Menschen, die sie ermorden werden, ins Gesicht sehen. Und auch uns fehlt sie oft, wenn wir uns mit der Ungleichheit der Lebenschancen in unserem Land, auf dieser Erde viel zu sehr abfinden.

Hartherzigkeit statt Barmherzigkeit.

Martin Luther hat vor beinahe 500 Jahren Folgendes gepredigt: Nun weiß aber jeder Mann wohl, was barmherzig heißt, nämlich, ein solcher Mensch, der gegen seinen Nächsten ein freundlich, gütig Herz trägt, Mitleid mit ihm hat, und sich seiner Not und Unglückes, es betreffe seine Seele, Leib und Gut, mit Ernst annimmt, und sich so zu Herzen gehen lässt, dass er denkt, er ihm helfen kann. Beweist dies auch mit der Tat und tut es mit Lust und Freude gern.

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KONKRETIONEN: Gesellschaft und christliche Gemeinde

Barmherzigkeit im konkreten „Nein“ und „Ja“ der Wirklichkeit Recklinghausens

1. Wir sagen „nein" zur Arbeitslosigkeit eines jeden vierten Erwerbsfähigen im Recklinghäuser Süden und einer Arbeitslosenquote von über 11 % in der Gesamtstadt; d.h. zu einer Verfestigung der Langzeitarbeitslosigkeit, weil die offene Wirtschaft (der sog. erste Arbeitsmarkt) bestimmte Menschen ausschließt.

Wir sagen „ja" zu einem breiten Bündnis für Arbeit – im Blick auf den ersten und zweiten (zeitweise öffentlich geförderten) Arbeitsmarkt, sowie der Schaffung bzw. Anerkennung eines dritten ( dauernd öffentlich geförderten) Arbeitsmarktes für die Menschen, die im ersten Arbeitsmarkt keine Beschäftigung erhalten werden.

2. Wir sagen „nein" zur Kinderarmut in unserer Region. 23,3% der Kinder unter 15 Lebensjahren werden im Kreis Recklinghausen durch soziale Hilfen unterstützt. Das bedeutet einem Viertel der Kinder nur verminderte Zukunftschancen zu geben.

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Barmherzigkeit konkret an der Gastkirche

1. Wir sagen „nein" zu einer konfessionellen Einengung und einer Ökumene des „status quo".

Wir sagen „ja" zu ökumenischer Weite, die auch in der Eucharistie und im Abendmahl Stärkung erfährt, sowie zu einer abrahamitischen Ökumene, die sich der gemeinsamen Wurzeln bewusst ist und daher zutiefst die Verbundenheit sucht.

2. Wir sagen „nein" zu einer reichen Kirche, welche sich durch Kapitalanhäufung und Intransparenz im Vermögensbereich von einer Glaubensgemeinschaft entfernt.

Wir sagen „ja" zu einer einfachen und schlichten kirchlichen Existenz, die in großer Solidarität zu den Christen und Menschen hin lebt, denen das Lebensnotwendige fehlt. In der Kirche muss sich die „Eine Welt" abbilden.

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Meditation vor der Gartentür des GASThauses

 

Gartebtür 1Die Tür zeigt Gesichter: Menschen, die ein- und ausgehen...

Ein Gesicht ( oben links ) in hoffnungsvollem „Grün“/ das Auge groß und leuchtend: Zukunft eröffnet sich / Glück kommt in den Blick.

Das andere Auge: Tränen – Leid, das die Tränen bewegt / Schwere / Aussichtslosigkeit...

Dann da ein Gesicht mit weit geöffnetem Mund: Stauen / wundern...

- oder vielleicht auch der Mund, der den Protest herausruft: das Unrecht die Not...

Ein Auge, das sich verloren hat ( schiefes Auge -allein): stille Tränen

Ein Auge, das wie in einer Taube durch den Raum schwebt: vielleicht

Zukunft, Hoffnung und Frieden sucht oder sieht...

Menschen gehen ein und aus: im Gasthaus, an vielen Orten...

Menschen geben sich die Tür in die Hand: hier, zuhause...


Wenn Du vor mir stehst und mich ansiehst, was weißt Du von den Schmerzen, die in mir sind, und was weiß ich von Deinen. Und wenn ich mich vor Dir niederwerfen würde und weinen und erzählen, was wüsstest Du von mir mehr als von der Hölle, wenn Dir jemand sie ist heiß und fürchterlich...

Schon darum sollten wir Menschen voreinander so ehrfürchtig, so nachdenklich, so liebend stehen.  

                                                                                                         ( Franz Kafka )

IMPULS: Barmherzigkeit und Gerechtigkeit: die zwei Seiten einer Medaillie

Ja, es mag jedem von uns, unserer Gesellschaft und der Kirche in dieser Zeit gut tun: Barmherzigkeit – auch wenn der Begriff etwas „angestaubt" wirkt. Deutlich wird mir das, wenn ich an die Unbarmherzigkeit denke,

- mit der ein Menschen einem anderen das Leben zur Hölle machen kann;

- mit der unsere Gesellschaft Menschen „auf der Strecke lässt“, weil sie nicht mehr leistungsfähig genug    sind

- mit der in der Kirche nach wie vor Frauen in vielen Bereichen ausgegrenzt werden...

Barmherzigkeit tut Not – nicht nur in diesen beispielhaften Punkten.Daher sind wir eingeladen, sie einzulassen und zuzulassen in unserem Leben. Aufgrund der Erfahrung von Unbarmherzigkeit wissen wir, daß Gerechtigkeit zur Barmherzigkeit dazugehört. Mit dem Herzen gut zu sehen, meint den Blick auf Augenhöhe – und das hat mit Würde, Respekt und gleichem Wert zu tun.

Zu viele Menschen erfahren keine – oder kaum – Barmherzigkeit. Ihnen sind viele Türen verschlossen, sie werden nirgends erwartet und ihr Selbst mag sich manchmal nicht mehr in die eigenen Augen schauen. Gerechtigkeit bleibt eine schmerzhafte Sehnsucht für sie:

Ich denke an unseren Ort von Gasthaus und Gastkirche an die Menschen,

die der Arbeitsmarkt bei uns im Ruhrgebiet „ausspuckt“- und nicht mehr „braucht“.

Zu alt, zu jung, nicht qualifiziert genug, nicht genügend belastbar, nicht flexibel...-

das sind die Stempelkarten mit denen Menschen „ausgestempelt“ werden.

Oder ich denke an psychisch kranke Mitmenschen, die von vielen gemieden werden, die kaum Kontakte haben und kaum Orte, wo sie so sein können, wie sie sind.

Mir fallen auch die ein, die durch irgendeinen Schicksalsschlag oder durch die

Bedingungen ihrer Kinder- und Jugendzeit „den Boden unter den Füßen verloren haben“ - und damit oft Arbeit und Wohnung, Kontakte und Beziehungen. Die dann

oft suchtkrank geworden sind, weil das Suchtmittel nicht nur zerstört, sondern auch

„tröste", „Halt gibt" - oder schlicht den Schmerz „betäubt" und „schöne Momente" eröffnet.

Ich denke an die Trauernden, die zu uns kommen – mit ihrem Schmerz und Leid...

An vielen anderen Orten in unserer Stadt – und auch andernorts - gibt es „Türen der Barmherzigkeit“, wo Menschen ERWARTET werden: Gott sei Dank!

Wenn wir uns als Menschen menschlich begegnen, auf Augenhöhe, kann die Not der anderen uns berühren.

Die Tür der Barmherzigkeit am Gasthaus mag uns einladen, der Barmherzigkeit die Tür in unserem Leben zu öffnen – und damit auch den Blick für die Unbarmherzigkeiten unserer Tage zu schärfen.

Willkommen!

Ich bin mir sicher, daß Gottes Barmherzigkeit uns überrascht …

Für Kommunität und Gasthausrat an der Gastkirche –

Ludger Ernsting

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