Aktuelles

Stadtgang „von unten“

- geleitet von Freunden der Strasse in Zusammenarbeit mit der Gastkiche

Eine Stadt sieht anders aus, wenn ich kein Geld mehr habe – oder sehr wenig nur...

Eine Stadt bekommt ein anderes Gesicht, wenn keine Arbeit für mich da ist...

Eine Stadt schaut mich anders an, wenn meine „Startbedingungen“ ins Leben oder Ereignisse und Wegstücke des Lebens nicht so gut waren oder sind...

Dennoch ist diese Stadt auch meine Stadt: Recklinghausen gehört nicht den einen – und die anderen sind „draußen vor“. Wir sind Recklinghausen!

             Stadtgang

 

Der Stadtgang „von unten“ nimmt Recklinghausen jenseits der Schaufenster und „Aushängeschilder“ wahr, um Orte und Wirklichkeiten in den Blick zu nehmen, die für Mitmenschen, denen es – wie auch immer- nicht so gut geht, wichtig sind oder Herausforderung sind.

Der Gang lud ein, eigene Wahrnehmungen zu entwickeln, zu erweitern und unsere Stadt aus den „Augen eines anderen“ zu sehen. Und dieser Gang ist parteiisch: er stellt sich an die Seite derer, die oft das Gefühl haben, in ihrer Stadt am Rande zu stehen..., „draußen davor“ zu sein, ausgegrenzt...

Wir luden am 17.10.2017 ein, nicht als voyeuristische Beobachter unterwegs zu sein – neugierig, aber unberührt vom Leben der anderen-, sondern als Mitmenschen mit Menschen unserer Stadt: in Solidarität und Offenheit.

 

Hintergrundinformationen:

Station 1 Food sharing Station an der Altstadtschmiede: pro Sekunde werden in Deutschland 313 Kilo genießbare Lebens-mittel entsorgt; 18,4 Mill. Tonnen Nahrung landen im Jahr auf dem Müll. Es gibt genug Nahrung in unserem Land und weltweit gibt es eine Lebensmittelproduktion, die nicht nur die 1 Milliarden täglich Hungernder satt machen würde, sondern -über die 7 Mrd. Menschen auf der Welt – 10-12 Mrd. Menschen ernähren könnte.

Dieser Ort ist wichtig für Menschen, deren Tisch leer ist. Nah dabei ist am gleichen Ort der offene Bücherschrank: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein...

Station 2 Diakonie: Die Diakonie ist Kooperationspartner der Kommune im Bereich der Wohnungshilfe. Zwei Mitarbeiter sind in der Wohnungsberatung, - beschaffung und Begleitung tätig. 47 Quadratmeter Wohnraum stehen einem alleinstehenden Harz IV - Empfänger zur Verfügung. Leider gibt es einen großen Mangel an entsprechender Wohnraumgröße, da der soziale Wohnungsbau in den letzten Jahrzehnten sehr zurückgefahren wurde.

Die Diakonie ist – wie Caritasverband und SKF -vielfältig tätig: In der Umweltwerkstatt werden u.a. auch Arbeitsplätze geschaffen. Manche Bereiche – wie die Telefonseelsorge – werden auch ökumenisch getragen.

Station 3 Palais Vest: Das Einkaufszentrum hält öffentliche Toiletten vor, die sauber und frei zugänglich sind. Auch ist es möglich, dort das Handy zu laden.

Station 4 + 5 Drogenberatung / Platte: Die Drogenberatung ist an drei Tagen in der Woche mit zwei Streetworkern „auf der Platte“ am Bahnhof. Es ist ein niedrigschwelliges Angebot des Kontaktes und der Hilfe. Die DROBS ist auch im Gefängnis tätig. Einmal im Jahr wird – in Zusammenarbeit mit der Gastkirche – ein Gottesdienst für die Drogentoten des be-treffenden Jahres auf der Platte gehalten.

Im Bereich des DBBahnhofs und des Busbahnhofs besteht ein Drogen-und Alkoholverbot.

Station 7: Mülleimer am Bahnhof : Für Menschen in prekärer Situation hat ein Mülleimer drei „Fund-Funktionen“: dort läßt sich Pfandgut finden; dort findet sich Eßbares und dort finden sich Zigarettenkippen, deren Resttabak gesammelt werden kann, um eine neue Zigarette zu drehen. Von morgens 4 Uhr bis abends 24 Uhr suchen Menschen die Mülleimer einer Stadt ab. Eine Entwicklung, die es so vor 10 Jahren noch nicht hierzulande gab – und die auf die Schere zwischen arm und reich aufmerksam macht.

Station 8: Pfandhaus Schumacher: Es gibt eine „verfestigte Ungleichheit bei den Vermögen“( Regierungskommentar nach dem letzten Armuts- und Reichtumsbericht ). 10% der Vermögensstärksten verfügen über deutlich mehr als 60% des gesammten Nettovermögens. Es beziehen in Recklinghausen 17199 Menschen Transferleistungen. 15% der Stadtbevölkerung sind von Armut betroffen, d.h. haben weniger als 60% des Durchschnittseinkommens zur Verfügung. Über 7ooo Menschen sind arbeitslos.

Die Grundsicherung beträgt 408,-€ im Monat ( darin: o,68€ für Bildungswesen; 15€

für Gesundheitspflege; 137,66€ für Nahrungsmittel, Getränke, Tabakwaren...)

Station 9: Big cash: In Recklinghausen gibt es 38 Spielhallen und 23 Wettbüros an 23 Standorten ( Schwerpunkte: Innenstadt und Bochumer Strasse, Süd). Es wurden in 2014 14,1 Mill. € an den Spielautomaten in RE umgesetzt / pro Kopf: 172€. Die Einnahmen durch die Vergnügunssteuer lagen in 2015 bei 1.7oo ooo , plus anteilige Gewerbesteuer. 8O% der Spielsüchtigen besuchen täglich einen Spielort.Nach Angaben der Bundesdrogen-beauftragten gibt es 5oo.ooo Glücksspielabhängige; Schwerpunktgruppe: junge Männer.

Station 10: Friedhof am Lohtor: Ruheoase in der Stadt: auch für Obdachlose ein Ort des Rückzugs ( und nicht selten) der Übernachtung, da ein niedrigschwelliges Übernachtungs-angebot in der Innenstadt fehlt.

Station 11: Petruskirchplatz: Die Kommerzialisierung läßt den öffentlichen Platz immer kleiner werden, d.h. Menschen mit geringem Einkommen bekommen weniger Raum von dem Raum, der allen gehört. Öffentliche Plätze mit Zugangsmöglichkeiten auch für Menschen mit wenig oder keinem Geld sind wichtig, um zu erfahren: „ich gehöre dazu“; auch ich bin „in der Mitte des Lebens“ ( an orten, wo sich das Leben abspielt) dabei. An diesem Platz gibt es einige Holzbänke, die zum Verweilen einladen und sehr gern angenommen werden.

Station 12: Tiefgarage Augustinessenstrasse: 335.000 Menschen sind 2014 nach Regierungsangaben ohne Wohnung ( 2010: 246.ooo) . Über 4o Personen, die der Gast-kirche bekannt sind, sind Anfang des Jahres 2017 in Recklinghausen ohne feste Wohnung gewesen, darunter auch EU- Binnen-flüchtlinge ( die reale Zahl dürfte höher liegen, da nicht alle Wohnungslosen mit dem Gasthaus in Kontakt stehen). Bei der Gewalt gegenüber Obdachlosen gibt es eine hohe Dunkelziffer: 2016 – 17 Tote in D´land.

GG. Art.1.1.“ Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“

GG.Art. 3.1.“ Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.“

Gedichte von „Freunden von der Strasse“

PSYCHE I                                           SELBSTZWEIFEL

die stadt                                                zum jetzigen Leben

sie lebt

                                                             Bin ich selbst nur meine Heimat

kaputt                                                   brauche ich die Zeit und den Raum

 

auch die                                              Lebe ich wirklich in der Freiheit

häuser in                                             oder ist alles nur ein Traum

den straßen

                                                             Der Himmel ist dunkel

in denen                                               und es regnet schon lang

die Menschen

sich vergaßen                                     Nur weil ich noch hoffen kann

               ( D. Schulte)                         fängt jeder Tag mit neuer Zukunft an

                                                                                                                                       ( H. Horn )

                                      

Wir danken für das Interesse und hoffen, daß diese etwas andere Wahrnehmung unserer Stadt – eine Brücke zwischen unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten schlägt, so daß Menschen – auf Augenhöhe – einander wahr- und annehmen.

Ein Dank gilt Andrea, Olaf, Harry und Andy – die den Weg mit ausgearbeitet und durchgeführt haben – und so an ihrem Leben haben teilnehmen lassen.

Ein Dank gilt auch Herrn Bally vom WDR, der den Weg begleitet hat und so auch anderen Menschen die Möglichkeit git, den Blickwinkel zu erweitern.

 

Alles wirkliche Leben ist Begegnung“

                                              ( Martin Buber )

für die Gastkirche: Ludger Ernsting