Spiritualität

Predigt vom 1. Advent 2020 „Erschüttert… auf dem Weg in der Zeit“

Ende Oktober hat ein heftiges Erdbeben die Ägäis erschüttert. Ein Augenzeuge in der türkischen Küstenstadt Izmir berichtet: „Plötzlich fing die Erde an zu zittern und zu beben, Schaufenster explodierten, Strommasten schwankten hin und her, das Licht ging aus. Weißer Staub rieselte von der Decke, Mauern brachen zusammen, im Asphalt bildeten sich große Spalten und Risse. Es war ein merkwürdiges Gefühl, machtlos den Boden unter den Füßen zu verlieren.“

 

So wie die Erde plötzlich zu beben beginnt, so können auch im übertragenen Sinn von jetzt auf gleich Einschläge unser Leben erschüttern und uns den Boden unter den Füßen wegziehen. Da geht ein geliebter Mensch für immer. Da teilt der Arzt die Diagnose Krebs mit. Da liegt das Kündigungsschreiben auf dem Schreibtisch. Da erfährt man oder frau von der Untreue des Partners oder der Partnerin. Es gibt so viele Beben, die alles verändern.

Erschütterungen gibt es nicht nur im persönlichen Leben…

Pandemie: Alles Gewohnte gilt nicht mehr. Menschen gehen auf Abstand. Auf einmal sind Alltag und Umgang miteinander völlig verändert. Islamistische Anschläge: Frankreich und Europa sind bestürzt über die Brutalität und den Hass. Missbrauchsskandal: Die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche ist zutiefst erschüttert. Immer mehr Menschen kehren ihr den Rücken zu.

Am Anfang des Advents steht die Erschütterung: „Die Sterne werden vom Himmel fallen und die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden.“ Die Sonne verfinstert sich, der Mond scheint nicht mehr. Die Bilder zeigen eine gewaltige Erschütterung. Alles geht durcheinander, die Grundfeste der Erde wanken. Markus schreibt (ca. 70 n. Chr.) sein Evangelium unter dem Eindruck des jüdischen Krieges und der Zerstörung Jerusalems. Der Untergang des Tempels stürzt Judentum und Christentum in eine tiefe Krise.

Der Text, den wir als Evangelium gehört haben, gehört zur sogenannten Endzeitrede Jesu im Markusevangelium. Diese Rede beginnt damit, dass einer der Jünger bewundernd auf den Tempel schaut und zu Jesus sagt: „Sieh, was für Steine und was für Bauten!“ Und Jesus greift das auf und antwortet ihm: „Siehst du diese großen Bauten? Kein Stein wird auf dem anderen bleiben. Alles wird niedergerissen.“

Das Markusevangelium macht hier deutlich: Eine zutiefst von Unrecht, Gewalt und Leiden geprägte Gegenwart, wie die Gemeinde des Markus sie in ihrer Zeit erlebt, kann nicht einfach angenommen und hingenommen werden. Sie schreit nach Veränderung, nach dem Eingreifen Gottes, nach einem Beben, das keinen Stein auf dem anderen lässt. Nichts darf bleiben, wie es war.

Der Jesuit Alfred Delp hat in seinen bemerkenswerten Adventspredigten 1941 gesagt: „Es fehlt vielleicht uns modernen Menschen nichts so sehr, wie eine echte Erschütterung.“ Zum Advent gehören nicht nur Kerzenschein und Tannengrün. Advent ist nicht einfach eine gemütliche Wohlfühlzeit mit Glühwein und Plätzchen. „Advent ist eine Zeit der Erschütterung, in der der Mensch wach werden soll zu sich selbst.“ schreibt Alfred Delp 1944 mit gefesselten Händen kurz vor seiner Ermordung durch die Nazis.

Aus dem Markusevangelium höre ich: Lasst euch erschüttern: Erschüttern über die Zustände in den Flüchtlingslagern auf Lesbos; erschüttern darüber, dass Menschen im Meer ertrinken, die eine Überfahrt in brüchigen Schlauchbooten riskiert haben, in der Hoffnung, dass das Leben doch noch etwas anderes für sie zu bieten hat, außer Hunger und Armut, Gewalt und Krieg! Lasst euch erschüttern über den Zustand einer Kirche, in der es immer noch so sehr um Macht und Hierarchie geht! Lasst euch erschüttern über den Rassismus und die rechten Parolen, die euch im Alltag und auf der Straße begegnen – vom Internet ganz zu schweigen! Lasst euch erschüttern!

Wir stehen am Anfang des Advents. Wir werden wachgerüttelt. Wir werden darauf hingestoßen an den Zerrüttungen dieser Welt nicht vorbeizuschauen. Es bleibt die Frage: Wie kommt es zu einer echten Erschütterung, die wirklich etwas verändert? Es gibt eine Erschütterung aus Angst – das erleben wir jetzt gerade in der Corona Krise. Erschütterungen aus Angst aber - so hat jemand sehr klug gesagt - führen nicht weiter. Sie lähmen und bewirken, dass mensch sich einigelt. Was also dann?

Markus bezieht sich im heutigen Evangelium auf den Propheten Jesaja. Dort heißt es in der griechischen Fassung im 34. Kapitel wörtlich: „Und alle Sterne werden fallen wie Blätter vom Feigenbaum fallen.“ Auch diese Jesaja Stelle verwendet das Bild von den herabfallenden Sternen. Das Fallen welken Blätter vom Feigenbaum wird hier verglichen mit dem Fallen der Sterne: die Welt welkt dahin.

Markus greift das Bild auf – aber er verwandelt es. Er interpretiert es auf dem Hintergrund der Botschaft Jesus vom Reich Gottes. Die Sterne fallen, ja. Aber die Zweige des Feigenbaumes werden saftig, so heißt es bei ihm. Der Feigenbaum bekommt Knospen und Blätter treiben: Aus dem Szenarium der Erschütterung und des Untergangs wird ein Bild der Hoffnung. Wenn die Sterne fallen, dann machen sie Platz für Neues. Es wächst etwas. Das Gleichnis knüpft an andere Gleichnisse Jesu an, die das Reich Gottes mit dem unaufhaltsamen Wachstum von Pflanzen vergleichen.

Ja, am Anfang des Advents steht die Erschütterung. „Die Erschütterung, das Aufwachen“, sagt Delp, „damit fängt das Leben aber erst an für den Advent fähig zu werden. Gerade in der Herbheit des Aufwachens… erreichen den Menschen die goldenen Fäden, die in diesen Zeiten zwischen Himmel und Erde gehen und der Welt eine Ahnung von der Fülle geben, zu der sie gerufen und fähig ist.“ Ja, Advent heißt wach werden, sich erschüttern lassen - aber nicht von Angst, sondern von Hoffnung und Verheißung: Die Verheißung, dass Gott kommt - in unser Leben, in unsere Beziehungen, in unsern Alltag, in unsere Ängste - unerschütterlich.

Sr. Judith Kohorst     

Pastoralreferentin