Spiritualität

Ansprache zum 3. Advent:   „Vorbereitend auf dem Weg…“

 

Drei Tage Vorbereitung werden uns noch bleiben: bis Mittwoch muss vom Einkauf her „alles in der Tüte sein“ - sozusagen: alles für Weihnachten vorbereitet sein, denn dann gibt’s den strengen „lockdown“, der nicht einmal mehr den Friseur zum Fest ermöglicht…

Wo die „materielle Seite“ des Weihnachten zum „alles“ des Festes geworden ist – sieht es schwarz aus in diesem Jahr – um nicht zu sagen: leer.

 

Das ist jetzt nicht hämisch oder verurteilend gesagt. Im Gegenteil: Ist diese Situation nicht eine neue Möglichkeit, den „Wesenskern“ von Weihnachten neu zu entdecken: und das mag für christlich geprägte Menschen so sein, wie für Menschen, für die dieses Fest ein Geschenktag – nicht weniger und nicht mehr - geworden ist.

„Sag JA zu den Überraschungen, die deine Pläne zunichte machen, deinem Tag eine ganz andere Richtung geben – ja vielleicht deinem Leben...“ ( Dom Helder Camara)

 

Ist das nicht immer wieder die Erfahrung von „Glaubensgeschichte“: da gibt es jemanden, der überrascht uns / der eröffnet uns eine Perspektive, die ganz neu für uns ist…

Wir können diese Erfahrung an Glaubensgestalten ablesen:

- Abraham: der mit seinem ganzen Familienverbund aufgefordert wird – aufzubrechen und Neuland anzugehen...

- Mose: der zu der leitenden Gestalt im Exodus aus der ägypt. Sklaverei für sein

Volk wird…

- Elisabeth: die – ohne Kinder – mit Johannes schwanger wird, der später auf Jesus hinweist

- Maria: die – als junge Frau – ohne Freund und Mann – die Zumutung erfährt:

sag „ja“ zu der Hoffnung, die mit Dir Gesicht und Gestalt bekommen kann...

- Franziskus: der – reich, verwöhnt, betucht – sich nackt macht, um zu zeigen – ich habe etwas Neues entdecken dürfen, was anders „reich“ macht…

- Madeleine Delbrêl: die – atheistisch geprägt – aufgeht in der Gesellschaft und dann anfängt und fragt und sucht nach dem, was ihr echten Sinn macht und gibt…

und sie geht zu den abgeschriebenen Arbeitern in der Stadt Ivry bei Paris und teilt mit ihnen den Alltag

- und Dom Helder Camara, der irgendwann für sich in der Begegnung mit den Armen eine Art „Bekehrung“ erlebt und in ihnen Christus entdeckt…

 

Ich bin mir sicher, wir könnten hier auch Erfahrungen zusammentragen, wo das Leben uns überrascht hat – und für uns einen neuen Akzent bekommen hat…

oft hat es mit Liebe zu tun – konkret zu einem Menschen...

ganz sicher mit Begegnung – mit wem und wie auch immer…

- und vielleicht ahnen wir bei manchem: das war / ist kein Zufall...

 

Weihnachten ist für uns der Tag der Feier der liebenden Begegnung Gottes mit uns Menschen in Jesus. Da feiern wir das bewusst, was durchgängig und bleibend Geschenk Gottes ist: die Überraschung seines Wirkens für uns – abzulesen an diesem Jesus, in Bethlehem geboren.

 

Advent ist die Einladung, sich für eine liebende Begegnung Gottes mit mir / für Gottesbegegnung in unserer Zeit offen zu halten.

 

Als glaubender Mensch „hat“ man´s nicht sicher: man „hat“ den Glauben nicht ein für alle Mal / wir tragen den Glauben nicht in einer Tasche mit uns, noch in einem Katechismus bei uns…

Glaube – gläubig zu sein d.h. auf dem Lebensweg offen zu sein für die Möglichkeiten Gottes.

Das ist leichter gesagt als getan, denn das meint: offen sein für seine Überraschungen / seinen Weg mit mir / mit uns…

 

Die amtliche Kirche ist oft mehr als festgelegt in ihrem Weg – da ist für Überraschungen / für eine andere Richtung / für Gottes „freien Einfall“– mir scheint,

wenig bis gar kein Platz. In mancher christl. Gemeinde sieht es nicht anders aus …

Und manchmal erwische ich mich selbst, wenn ich ehrlich bin, auch dabei, gläubig festgelegt zu sein…

Advent ist die Einladung, sich für eine liebende Begegnung Gottes mit mir / für Gottesbegegnung in unserer Zeit – welche Gestalt sie auch immer annimmt – dafür mich / uns offen zu halten…

 

Über die Gestalt „göttlicher Überraschung“ erzählen uns die biblischen Geschichten

und auch die Glaubenserfahrung von Menschen bis in unsere Tage.

Das „Offenhalten“ für die Überraschung „seiner Richtung“ für mich und uns – hat oft mit „Gegenhalten“ tun.

„Fürchte dich nicht / fürchtet euch nicht“ – so beginnt der Dialog göttlicher Wirklichkeit (mit der Stimme eines Engels oft ausgedrückt ) mit Maria / mit den Hirten später / mit den Jüngern im Kontext des Auferstehungsgeschehens…

„Angst“ ist eine zutiefst menschliche Kategorie. Ein evolutionärer Schutzmechanismus des Überlebens – und doch: wenn sie uns Menschen bestimmt, dann sind wir nicht mehr wir selbst. Und da ist die göttliche Botschaft: „Hab keine Angst“ / keine Furcht: Ich bin da! „Du kannst angst-frei „sein“ - können wir ergänzen. Das gibt eine Kraft des Widerstandes und eine Kraft des Trostes – vor allem aber des Beistands.

 

Das heißt im Umkehrschluss auch: Ich bin als Gott nicht da, wo Menschen mit Angst besetzt werden / wo man mit Angst regiert und reagiert / wo „Angst“ System wird oder ist…    

 

Das lässt uns dann auch nicht ruhig zur Tagesordnung übergehen, sondern etwas von dem Widerständigen, auch Tröstendem eingeben in unser Leben und im Leben um uns herum, wenn die Angst zu mächtig wird – auch in dieser Zeit der Pandemie...

 

Der Bußprediger Johannes – als „Vorläufer“ Jesu - verkörpert diese beiden Ebenen: Er wird als „Zeuge für das Licht“ bezeichnet, weil er offen ist für Gottes Weg mit ihm.

Und da heraus zitiert er das prophetische Jesaja Wort, welches nachher am Anfang des Markusevangeliums als Selbstzeugnis Jesu steht:

-„...dass den Armen die frohe Botschaft verkündet wird,

- den Gefangenen Entlassung

- und Gefesselten Befreiung“

- dass – kurz-: Gerechtigkeit Gestalt gewinnt. Das ist das Licht, das er ankündigt!

 

Wir ahnen, was ein „sich offenhalten“ für Gott mit sich bringt - auch an „gegenhalten“.

 

Vorbereitet auf dem Weg zu sein, lenkt den Blick auf eine adventliche Vergewisserung: Kann der in mir geboren werden, der „Licht“ für Mensch und Welt ist?

Und: Ja, da ist jemand, der als Gott in seiner liebenden Begegnung mit uns, uns darin mitträgt und darin mit uns auf dem Weg ist – auch so, dass seine Liebe überraschend hereinbrechen kann: für uns je und in die Lebenskontexte, die unsere Gesellschaft ausmachen…

Letzteres hat mit Licht und Fülle zu tun … - und dann sieht nichts mehr schwarz und leer aus.

Das hat meiner Meinung nach nichts an Faszination verloren– und hängt auch nicht von unseren Kaufmöglichkeiten ab, weil man es mit keinem Geld der Welt bezahlen kann.

Wohl hängt es von einer adventlichen Haltung ab...

Die wünsche ich uns – über den terminlichen Advent hinaus.