Spiritualität

Ansprache Gastkirche 4. Advent 2020

„Empfangend – auf dem Weg“

Textstellen: 2.Samuel 7,1-5.8-12.14-16;und Lk. 1,26-38

 

Vermutlich geht es Ihnen ähnlich wie mir: Ich bekomme gerne Post – also nicht nur E-Mails, sondern so „richtige“ Post: Weihnachtspäckchen, Glückwünsche zum Geburtstag, Urlaubsgrüße … Aber manchmal kommt auch weniger Erfreuliches: Pakete, die man für die Nachbarn angenommen hat und die dann im Flur herumstehen, Werbung, die kein Mensch wirklich braucht, Rechnungen …

Wie geht man mit unerwünschten Sendungen um? Den Empfang verweigern? Die Tür erst gar nicht öffnen?

Im heutigen Evangelium „klopft“ sozusagen ein ungewöhnlicher Bote an Marias Haustür. Nein, er klopft gar nicht erst an, er ist schon drin, fast überfallartig, bevor Maria nachdenken kann. Oft haben wir diese Szene in Wort und Bild lieblich verklärt dargestellt gesehen (wie z.B. auf dem berühmten Gemälde von Fra Angelico auf dem Zettel an Ihrem Platz): Maria im trauten Heim, oft in der Heiligen Schrift lesend, mit betend gefalteten Händen, die Augen niedergeschlagen, dem Engel vertrauensvoll lauschend und schließlich als „Magd des Herrn“ ihr demütiges „Ja“ hauchend.

Woher haben wir diese idyllische Sicht? Und wem passte – oder passt – sie in sein Frauenbild? Dabei gibt der Text das zunächst gar nicht her: Gleich zu Anfang ist Marias erste Reaktion Schrecken, sodass der Engel sie mit seinem „Fürchte dich nicht“ beruhigen muss. „Du Begnadete“ – was für eine Anrede für ein unbedeutendes, einfaches junges Mädchen! Wer wäre da nicht erschrocken! Und die Rede des Engels, die dann folgt, muss Maria bis ins Innerste erschüttert haben. Die Stelle aus dem Propheten Samuel, die er zitiert (wir haben sie in der Lesung gehört), wird sie gekannt haben: vom Thron Davids, der auf ewig Bestand haben wird und der auf das Kind, ihr Kind!, übergehen soll. Was für eine Zumutung! Das würde ja bedeuten, dass Gott sie – ausgerechnet sie! – braucht, um den Messias, den ersehnten Retter, zu ihrem Volk kommen zu lassen.

Aber die Geschichte lässt sich auch anders lesen, so wie wir auch andere Bilder kennen, in denen man Maria den Schrecken deutlich ansieht (wie auf dem 2. Bild von Tintoretto), wo sie sich halb von dem furchteinflößenden Boten wegdreht. Abwehrend hebt sie die Hände: Muss man alles annehmen, sofort Ja und Amen sagen, nur weil es von Gott kommt? Da passiert ihr etwas, was immer wieder Menschen erleben: Da bricht etwas in ihr Leben ein, dessen Tragweite sie noch gar nicht erfassen kann: Ungewollte Schwangerschaft – Stigmatisierung der ganzen Familie – unehrenhafte Trennung von Josef … Wer weiß! Wenn man Gäste empfängt – die gehen wieder; aber wenn man, wie man ja sagt, ein Kind „empfängt“ – das bleibt, in glücklichen wie in schweren Tagen! Das bedeutet, es ein Leben lang begleiten, an seiner Seite bleiben – und wir wissen, wohin das in Marias Leben geführt hat. Und so stimmt sie nicht gleich zu. Maria wehrt sich ja, sie will es wissen, wie, weshalb, warum. Sie argumentiert mit dem Engel, und der muss sich erklären, muss begründen, was den Verstand übersteigt. Bis zu dem Augenblick, in dem Maria erkennt, dass die eigene kleine Privatheit in ihrer Beschränkung auf die Dauer nicht genügt. Wir schaffen das … Auch wenn vieles dagegen spricht.

Es braucht viel Mut und Vertrauen, um schließlich „Ja“ zu sagen zum Plan Gottes. Solche Menschen sucht Gott, offen und empfänglich für seine wahrlich un-glaublichen Möglichkeiten. Und schon in der nächsten Szene, die Lukas erzählt, wird sie gegenüber ihrer Verwandten Elisabeth jubeln über dieses Kind, durch das Gott Großes an ihr getan hat.

Später hat sie ihren Sohn – zusammen mit ihrem Mann – so erzogen, dass er immer ein offenes Ohr und offene Hände für Menschen hatte, die nicht gerade willkommen waren: Zöllner und Sünder, die bei den Empfängen der Reichen nicht erwünscht waren; Kinder, die nur störten, wenn seine Jünger fanden, dass er zu müde war, um sie zu segnen; Kranke und von Dämonen Geplagte, die sich an ihn hängten; Frauen, die ausgestoßen wurden, sogar gesteinigt werden sollten … Er war für sie alle da.

„Empfangen“ heißt nicht, keine Fragen zu haben, blauäugig Einwände unter den Teppich zu kehren. Aber oft folgt danach – wie bei Maria – ein „Trotzdem“. 2015, als überall in Deutschland Tausende Menschen Geflüchtete mit Applaus, Blumen, Essen und Spielzeug empfangen, heißt das Schlagwort „Willkommenskultur“, und bei vielen bleibt es nicht bei einer einmaligen, gewissermaßen „kurzatmigen“ Aktion. Sie helfen beim Erwerb der deutschen Sprache, bei Behördengängen und Bewerbungen, kümmern sich um Arbeitsplätze, kochen und nähen mit den Frauen. Es gibt Rückschläge, Enttäuschungen. Trotzdem entwickeln sich oft dauerhafte Freundschaften zwischen Einheimischen und Fremden. Und das kann beide Seiten mit Freude und Glück erfüllen. Empfangen hat Folgen – so oder so. Auf jeden Fall bringt es Veränderungen im Leben mit sich, kann es sogar völlig auf den Kopf stellen.

Willkommenskultur auch in Corona-Zeiten, wenn man niemanden – oder nur ganz wenige Menschen – bei sich zu Hause empfangen kann – besonders schmerzlich gerade jetzt während des harten Lockdowns zu Weihnachten. Es gibt Sorgen, Ängste, Ungeduld, Trauer, Verzweiflung. Trotzdem: Der Kreativität scheinen keine Grenzen gesetzt, damit Hilfsbedürftige, Alte, Einsame, Kinder … wahrgenommen werden und sich trotz allem angenommen fühlen können.

Das Gasthaus macht schon mit seinem Namen deutlich, dass hier keine zahlenden Kunden bedient, sondern „Gäste“ willkommen geheißen werden. Gleich hinter der Eingangstür gibt es einen Tür- und Telefondienst, der nicht zufällig „Empfangsdienst“ heißt und bei dem Ehrenamtliche die erste Anlaufstelle sind für Menschen, die Fragen haben, Hilfe brauchen, Kontakt suchen.

In der Adventszeit erwarten wir die Ankunft des Kindes von Betlehem, so wie auch Maria ihren Sohn erwartet hat. Lukas schreibt: „Danach verließ sie der Engel.“ Sie als junge Frau musste jetzt selber lernen, was sie zu tun hatte – zur Not hatte sie ja auch noch ihre Verwandte Elisabeth, die schon im sechsten Monat schwanger war und ihr sicher gute Ratschläge geben konnte. Auch sie offen und empfangsbereit für Überraschendes, Neues.

Aber wir – wie erwarten wir ihn? Es gibt ein altes Kirchenlied, das Paul Gerhardt 1653 gedichtet hat und das immer wieder vertont wurde, nicht zuletzt von Johann Sebastian Bach: „Wie soll ich dich empfangen, und wie begegn‘ ich dir …“ Diesen Choral hat Bach dann noch einmal verwandt, und zwar in seiner Matthäus-Passion mit dem Text „O Haupt voll Blut und Wunden“. Die Musikwissenschaft weiß, dass so etwas bei Bach nie zufällig oder aus Ideenarmut geschah. Dieser tiefgläubige Komponist wusste, dass Willkommenskultur „light“ nicht zu haben ist. Jemanden wirklich, nicht nur oberflächlich, empfangen, hat Auswirkungen auf das weitere Leben. Also: „Wie soll ich dich empfangen?“

Wenn wir ernst nehmen, was Jesus im Matthäus-Evangelium sagt: „Was ihr den Geringsten meiner Brüder und Schwestern getan – oder nicht getan – habt, das habt ihr mir getan – oder nicht getan“, dann empfangen wir ihn am besten in den anderen, und zwar so, wie er mit Menschen umgegangen ist: entgegenkommend, menschenfreundlich, gütig,– und das nicht nur im Advent, trotz aller Widerstände – aber auch mit beglückender Freude.                                

Empfangend – auf dem Weg …

                                                                 Monika Otto