Spiritualität

Menschenfischer 

Ein Netz, das kann ganz unterschiedliche Assoziationen wecken: Ein Netz kann etwas sein, das gefangen nimmt, das unfrei macht, das eine Falle darstellt. Es gibt Schutznetze, die zum Beispiel die Kirschen auf dem Kirschbaum schützen. Es gibt das Netz unter dem Hochseil im Zirkus. Es gibt das Internet, also das Netz, das Menschen weltweit miteinander verbinden kann. Es gibt das soziale Netz, die Beziehungen zu anderen Menschen, die uns auch in Notsituationen halten.

 

Die Fischer Simon und Andreas werden durch Jesus von ihren Netzen weggeholt.

Menschenfischer, mit diesem Begriff fasst Jesus seinen Auftrag an sie zusammen. Mit welcher Art von Netz sollen sie arbeiten? Die Namen der beiden zukünftigen Jünger sind hier sehr bezeichnend: Simon bedeutet: Gott hat gehört. Das erinnert an die Situation im ersten Testament, in der Gott sich zum ersten Mal mit seinem Namen zu erkennen gibt. Ich habe die Klage der Israeliten gehört, heißt es da. Ich habe die Not und Unterdrückung wahrgenommen, die Gewalt, der sie ausgesetzt sind.

Andreas bedeutet: Tapferkeit und Mut. Wie Simon und Andreas sind wir als Getaufte in der Gemeinschaft mit Jesus beauftragt, auf die Klage und die Not der Menschen zu hören und mit Tapferkeit und Mut das zu tun, was wir tun können. Und es gibt viele Möglichkeiten, zu Menschenfischern zu werden mit dem Ziel, Menschen zu Würde, Respekt und Achtung zu verhelfen. Ich möchte hier heute einen Menschenfischer vorstellen, von dem ich erst aus einem Artikel von Heribert Prantl erstmalig gehört habe, der aber sehr eindrucksvoll gezeigt hat, was es heißt, Menschenfischer zu sein.

 

Am vergangenen Mittwoch dem 20.1., also am Patronatsfest der Gastkirche ist er achtzig Jahre alt geworden. Sein Name: Jürgen Micksch, evangelischer Theologe. Obwohl er nie eine Person mit Macht und Einfluss war, hat er mehr verändert, als mancher hochrangige Politiker. Heribert Prantl sagt: „Seit mehr als vierzig Jahren hat er die härtesten Bretter gebohrt, die es in Deutschland gibt. Mit beharrlicher Energie kämpft er für ein humanes Ausländerrecht und einen guten Umgang mit Flüchtlingen?“ Dabei haben ihn viele Menschen seiner Zeit – auch Kirchenobere – zunächst als nervigen Spinner abgetan. Er war seiner Zeit voraus, wie kein anderer.

 

Vor vierzig Jahren arbeitete er an der Evangelischen Akademie in Tutzing am Starnberger See. Auch damals gab es Flüchtlinge – sie wurden "Asylanten" und oft auch "Scheinasylanten" genannt; seit 1980 erstmals mehr als hunderttausend Flüchtlinge in die Bundesrepublik gekommen waren, sprach man in der Politik von einer "Asylanten-schwemme". Jürgen Micksch hatte ein feines Gespür für das Inhumane, das hinter solchen Worten steckt. Er wollte so etwas wie einen deutschen Flüchtlingsrat einrichten. Daraus wurde dann "Pro Asyl".

Als erstes, so erzählt Heribert Prantl, besprach er sich seinerzeit mit seinem katholischen Kollegen, der sofort abwinkte und ihm riet: "Vergessen Sie’s!" Micksch suchte sich andere Verbündete. Die Caritas warnte ihn: Er solle die Finger davon lassen, die Zeit sei nicht reif, er würde mit "so etwas" nur die Politik verärgern. Vom Diakonischen Werk kam die Mitteilung, man werde ihn nicht unterstützen. Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Wohlfahrtsverbände wurde eine Mitwirkung bei Pro Asyl sogar verboten. Leute vom Roten Kreuz oder der Arbeiterwohlfahrt kamen trotzdem zu den Sitzungen und mussten dafür einen Urlaubstag in Anspruch nehmen. Heute hat Pro Asyl gut zwanzig hauptamtliche Mitarbeiter, der Förderverein Pro Asyl zählt mehr als 25 000 zahlende Mitglieder.

Heribert Prantl nennt Jürgen Micksch einen modernen Missionar für Menschenrechte und das Miteinander. Er habe sich um religiöse Minderheiten gekümmert, als die deutschen Innenminister „Integration“ noch für ein unanständiges Wort hielten. Er habe als Alternative zum Begriff „Asylanten“ das Wort „ausländische Mitbürger“ aus der Taufe gehoben, die interkulturelle Woche erfunden, den interkulturellen Rat und das Abrahamitische Forum initiiert, in dem Juden, Christen und Muslime miteinander reden.

 

Was hat Micksch befähigt, mit so einem langen Atem für Menschenrechte zu kämpfen? Was hat ihn zu einem Menschenfischer gemacht? Ich möchte noch einmal in das Evangelium schauen: Der Anruf Jesu an die Jünger erfolgt plötzlich. Es ist auch kein höflicher Vorschlag. „Auf, mir nach!” ist eine Aufforderung, der man sich kaum entziehen kann. Merkwürdig ist auch, dass zwei Brüderpaare berufen werden, also immer zwei Menschen, keine Einzelnen. Die Angesprochenen lassen alles stehen und liegen. Es ist eher unwahrscheinlich, dass die Art und Weise der Berufung tatsächlich wie beschrieben stattgefunden hat.

 

Wenn Markus die Begebenheit so beschreibt, dann will er seinen Leser*innen damit sagen:
Jesus braucht missionarische Menschen, um die Nähe der Gottesherrschaft zu verkünden und zu leben. Er braucht Menschen, die mit ihm mitgehen, die dran bleiben und manches andere dafür aus dem Blick lassen. Wer Menschenfischer werden will, muss von Jesus lernen, wie er von Gott spricht, wie er heilt, wie er mit Menschen umgeht. Jesus ruft paarweise, so wie er auch später paarweise seine Jünger aussendet. Alleine das Evangelium zu verkünden scheint Menschen nach der Ansicht Jesu zu überfordern. Menschen brauchen Halt, Ermutigung, Korrektiv durch Gleichgesinnte. Wie die Jünger im Beruf als Fischer zusammen gearbeitet haben, so sollen sie auch als Menschenfischer zusammen arbeiten.

 

"Wandel durch Kontakte" hat Jürgen Micksch eine Schrift genannt, die er soeben veröffentlicht hat. Da bewegt er sich ganz auf der Linie Jesu. Ich werde euch zu Menschenfischern machen, sagt Jesus den Jüngern. Das heißt: Ihr sollt nicht mehr einfangen, sondern ihr sollt auffangen, nämlich Menschen, die sonst durch die Maschen fallen und abstürzen. Ihr sollt ein Verbindungsnetz zu Menschen aufbauen, Beziehung stiften. Ihr sollt die tragen, die keinen Halt mehr haben. Wo ihr auch seid sollt ihr Begegnung wagen. Martin Buber sagt: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“ Jesus beruft zum Leben.

Sr. Judith Kohorst