Spiritualität

Predigt am 5. Sonntag im Jahreskreis (7.2.)

Aufrichtekraft. Ein interessantes Wort. Es ist nicht meine Erfindung. Aufrichtekraft, sagt die Biologie, hat zum Beispiel ein Getreidekorn. Wenn es in die Erde kommt, wächst daraus ein Halm, der es schafft, sich in erstaunliche Höhe aufzurichten , ohne umzuknicken. Wenn dann die Ähre wächst, trägt der Halm am Ende das Zehnfache seines Gewichtes. Er hat die Kraft, sich aufzurichten und aufrecht zu bleiben, selbst unter extremer Belastung. Aufrichtekraft hat auch der Mensch. Sein aufrechter Gang ist eines der Merkmale, die ihn von den Tieren unterscheiden. Mediziner sagen: An der Fähigkeit, sich aufzurichten, an der Aufrichtekraft, hängt alles: Atmung, Verdauung, der freie Blick, die Art zu gehen, zu stehen, zu sitzen, die Ausstrahlung.

Die Schwiegermutter des Petrus, von der wir im Evangelium gehört haben, hat keine Aufrichtekraft mehr. Sie liegt mit Fieber danieder. Jede Krankheit wurde in der jüdischen Tradition als Strafe Gottes angesehen, mit der Folge der Isolation der Betroffenen durch die jüdische Gesellschaft. Das Krank-im-Bett-Liegen ist zudem Ausdruck der Ohnmacht, der Kraftlosigkeit.

Jesus ergreift mit seiner Zuwendung die Initiative und ergreift ohne Berührungsängste die Hand der Frau. Er richtet sie auf. Einen Menschen „aufrichten“ – das ist ja eine vieldeutige Aussage: Nicht nur wer real am Boden liegt, auch Trauernde, Niedergedrückte, In-sich-Verkrochene, von ihrer Lebenssituation Gebeugte wollen wieder aufgerichtet werden. Das griechische Verb für „aufrichten“, mit dem der Evangelist Markus das Handeln Jesu beschreibt, ist das gleiche Wort, das im Evangelium für die Auferweckung Jesu steht. Das unterstreicht, dass die Frau sich im Bereich des Todes befunden hat und durch Jesus zum Leben zurückgekehrt ist.

Woher nimmt die Frau die plötzliche Aufrichtekraft? Was gibt ihr wieder Mut und Zuversicht? Auf einer Zeichnung von Rembrandt ist die Heilung der Schwiegermutter des Petrus dargestellt. Hier ergreift Jesus die am Boden liegende Frau sehr beherzt bei den Händen und zieht sie zunächst ins Sitzen – man erkennt aber, dass er noch nicht locker lässt, dass er sie in den Stand aufrichten will – auf Augenhöhe. Wem Menschen auf Augenhöhe begegnen, so sagt diese Zeichnung, der kommt wieder zum Leben, erhält Würde und Mut und Kraft zurück.

Aufrichtekraft: Gerade jetzt nehmen viele Gruppen das für sich in Anspruch, sich aufzurichten im Sinne von: „Jetzt ist es genug, jetzt lassen wir uns unsere Grundrechte nicht mehr nehmen“ und sie stehen auf gegen Corona Schutzverordnung, Lockdown, Maskenpflicht. Aber auch rechtsgerichtete Gruppen stehen auf für ihre Sache. Ob es ein wirkliches Aufrichten ist, oder nur ein Erstarken, Laut-Werden, das lässt sich daran unterscheiden, ob mit dem Aufstehen verbunden ist, auch die anderen wahrnehmen zu können. Wer sich nicht wirklich aufrichtet behält ein eingeschränktes Blickfeld, sieht im Extremfall nur den eigenen Bauchnabel. Erst das Aufrichten ermöglicht, dass der Blick frei wird und über den Tellerrand hinaus geht.

Von der Frau erzählt das Evangelium ausdrücklich, dass sie von Jesus aufgerichtet wird und dann für die Anwesenden sorgt. Sie wird zurückgeholt aus der Beziehungslosigkeit in die Beziehung. Sie kann wieder die Nöte der anderen erkennen und tatkräftig darauf antworten.

Wörtlich heißt es: „Sie diente ihnen“. Das griechische Verb, das für dienen verwendet wird, heißt diákonéo. Es ist das gleiche Verb, mit dem Jesus den eigenen Auftrag zusammenfasst: „Ich bin nicht gekommen, um mich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen.“ (Mk 10,45) Jesus hat also diese Frau in seine Nachfolge gerufen.

Es fällt auf, dass im Markusevangelium nur Frauen und Engel Jesus dienen. Die Zwölf müssen bei Jesus noch lernen, was es heißt zu dienen, wenn sie sich darüber streiten, wer von ihnen der Größte ist und Jesus ihnen sagt: „Wer der Erste sein will, soll der Diener aller sein.“ (Mk 9, 35) In Kafarnaum - über Ausgrabungen des vermuteten Wohnhauses, von dem im Evangelium die Rede ist, haben Franziskaner eine auf Säulen stehende Kirche mit einem Glasboden in der Mitte errichtet. So können Pilger und Pilgerinnen heute hinunterschauen zu den Wurzeln unseres Glaubens. An diesen Wurzeln stehen nicht nur die Männer, die ihre Boote verlassen haben. An diesen Wurzeln sind auch die Frauen, die von Jesus in die Nachfolge gerufen wurden, die an ihren Tischen Raum gegeben haben für die neue Bewegung, und die Diakoninnen der ersten Kirche waren.

Ein Blick auf den Zusammenhang, an der das heutige Evangelium steht, zeigt noch eine andere Aussage des Textes. Direkt vorher steht im Markusevangelium das erste öffentliche Zeichen von Jesus: In der Synagoge hat er einen Mann geheilt, der von einem lebensfeindlichen Geist besetzt wurde. Zuerst die Synagoge als Heilungsort, dann das Wohnhaus: das heißt, der öffentliche und der private Raum werden vom Reich Gottes erfasst. Dann heißt es, dass alle Kranken des Dorfes sich nun an Jesus wenden. Die Lawine der Aufrichtekraft breitet sich unaufhaltsam aus. Das Reiches Gottes ist nicht zu stoppen, so die Botschaft.

Von dieser Dynamik sollen sich die Lesenden des Evangeliums mitreißen lassen. Auch sie sollen Aufrichtekraft haben: Sich selber aufrichten und andere Aufrichten. Die Kirche soll eine aufrichtende sein, eine mit Aufrichtekraft. Nicht Barrieren aufrichten, nicht Vorschriften errichten, nicht neue Großpfarreien einrichten, sondern ganz einfach: Menschen aufrichten. Eine dienende Kirche soll es sein. Und da kann sie in diesem Fall von der Schwiegermutter des Petrus mehr lernen, als von Petrus und allen Aposteln zusammen.

Sr. Judith Kohorst