Spiritualität

Predigt zum ersten Fastensonntag, Thema: „Staub“

Die amerikanische Band „Kansas“ landete in den 70 Jahren ihren größten Hit mit dem Titel „Dust in the wind“ - „Wir sind nur Staub im Wind“. Der Text dieses Liedes lautet: „Ich schließe meine Augen nur für einen Augen-blick. und der Augenblick ist schon wieder vorbei. Staub im Wind - alles was wir sind, ist Staub im Wind.“ Ein Aschermittwochslied. Das Aschenkreuz am Beginn der Fastenzeit führt uns genau das vor Augen: Gedenke, Mensch, dass du Staub bist und zum Staub zurückkehrst. „Dust in the wind: Wir sind nur Staub im Wind.“

Im Lied geht es weiter: „Alles was wir tun zerbröselt am Boden es ist Staub im Wind.“ Das ist wohl ein verbreitetes Lebensgefühl heute: Was können wir tun angesichts Klimawandel und Kriegen, Katastrophen und Corona Pandemie. Alles, was wir tun können, scheint sehr begrenzt zu sein, ist vielleicht sogar aussichtslos. Alle Bemühungen zerbröseln unter unseren Händen und so stehen wir letztlich mit den Füßen im Staub der Vergänglichkeit und Vergeblichkeit.

Auf dieses Lebensgefühl gibt das diesjährige Misereor Hungertuch von Lilian Moreno Sánchez eine Antwort. Sie ist in Chile geboren, lebt aber seit 1996 in Deutschland. Das Bild besteht aus drei Teilen: jeweils auf Rahmen ge-zogene Bettlaken als Leinwand. Es zeigt die Umrisse eines Fußes von rechts unten nach links oben. Die Künstlerin hat das Röntgenbild eines Fußes als Grundlage genommen. Es ist der Fuß eines Menschen, der bei Demonstra-tionen in Chile 2019 von der Militärpolizei schwer verletzt worden ist. Seit Oktober 2019 haben auf dem Platz der Würde viele Menschen gegen unge-rechte Verhältnisse protestiert. Tausende Demonstranten hat die Regierung brutal schlagen lassen. Es gab 5000 Verletzte, 26 Todesfälle, mehr als 7000 Verhaftungen.

Dieser Fuß steht stellvertretend für alle Orte, an denen Menschen den Bo-den unter den Füßen verlieren, gebrochen und zertreten werden. Er steht aber auch stellvertretend für etwas anderes: Füße tragen uns und ermög-lichen uns, aufrecht zu stehen. Wir hinterlassen auf ihnen unsere Spur durchs Leben. Dieser verletzte und gebrochene Fuß steht stellvertretend für alle Füße, die sich nicht aus dem Staub machen, sondern Staub aufwirbeln, für Frieden und Gerechtigkeit eintreten und Spuren hinterlassen.

In Santiago de Chile hat die Künstlerin auf dem „Platz der Würde“ Straßenstaub gesammelt und in den Stoff gerieben. Auf diesem Platz ist der Mensch verletzt worden. Auch der Staub ist also Erinnerung an die Gewalt. Er erinnert an die Menschen, die zu Boden gegangen sind und gehen in den Dreck, in den Straßenstaub. Er erinnert aber auch an den Mut dieses Menschen, aufzustehen, für Menschenwürde einzutreten und Veränderung zu fordern.

Veränderung macht natürlich auch immer Angst. In der Krise – auch in der jetzigen Corona Krise - wächst die sehr verständliche Sehnsucht nach „normalen“ Verhältnissen. Oppositionelle in Chile haben als Slogan einen Satz an ein Gebäude projiziert. „Wir wollen nicht zur Normalität zurückkehren, denn diese Normalität war das Problem.“ Dieser Satz gilt nicht nur für Chile. Wenn aus der Corona Krise überhaupt irgendeine Lehre gewonnen werden kann, dann diese: Dass es nicht normal sein darf, dass die einen hungern, durch Krieg und Klimawandel ihre Heimat verlassen müssen, in Lagern eingepfercht werden, dem Corona Virus ohne medizinische Hilfe ausgeliefert sind – und die anderen nur darauf warten, frisch geimpft möglichst bald wieder einen Kurzurlaub auf Mallorca einschieben zu können.

Im Markusevangelium ist der Erzählabschnitt von Jesu Versuchung in der Wüste eng mit der Taufe Jesu verknüpft. Die Wüste ist für mit der Bibel vertraute Lesende auch ein Ort der Gottesbegegnung und des Neuanfangs. Die intensive Gottesbegegnung am Jordan, die Stimme Gottes aus der Wolke „Du bist mein geliebter Sohn“ muss sich in Staub und Sand bewähren, muss bodenständig werden und zu einer Gottesbeziehung entwickeln, die auch inneren Dürrezeiten standhält. Die 40 Tage des Wüstenaufenthalts erinnert an die 40 Tage, die Mose auf dem Berg Sinai verbringt oder die 40-jährige Wüsten-Wanderschaft des Volkes Israel. Die Zahl Vierzig entspricht in der Bibel einer Entwicklungs- und Reifungszeit.

Aus der Erfahrung der Wüste, aus Sand und Staub heraus kann Jesus das Evangelium Gottes, die frohe Botschaft verkünden. Die Erfahrung von Gottes Gegenwart ist nicht von Zeiten abhängig, wo wir über den Wolken schweben. Gerade in den Niederungen des Lebens, in Wüstenzeiten, im Straßenstaub lässt Gott sich finden, da, wo wir ihn vielleicht nicht vermutet haben. So hat er sich schon dem Mose im Staub der Steppe in einem Dornstrauch gezeigt und seinen Namen genannt: Ich bin der „Ich bin da für euch“.

Ich habe einmal in Berlin Exerzitien auf der Straße gemacht und eine Woche erlebt voller intensiver Begegnungen auf der Straße mit Wohnungslosen, Drogenabhängigen, mit Menschen, um die alle anderen einen Bogen machen. Am letzten Tag haben wir als Gruppe einen Abschlussgottesdienst in einer Kirche gefeiert. Ich musste vor Ende des Gottesdienstes gehen, um meinen Zug zu bekommen. Als ich dann draußen vor der Kirche auf der Straße stand, fand ich es schade, dass ich keinen Segen mehr bekommen habe. Da habe ich mich gebückt und mit Staub von der Straße ein Kreuzzeichen gemacht. Das war meine Erfahrung in dieser Woche: Hier, mitten in Staub und Dreck der Straße geschieht Gottesbegegnung, ist Gott ganz nahe.

Auf dem Hungertuch hat die Künstlerin zwölf Blumen aus Blattgold aufgetragen. Sie stehen für solche Orte der Gottesbegegnung mitten im Staub. Sie stehen für Leben, das neu erblüht. Gold ist die Farbe für das Göttliche. „Dust in the wind“ sang die Band Kansas. „Wir sind nur Staub im Wind“. Zur gleichen Zeit griff die kanadische Sängerin Joni Mitchell das Motiv Staub auf und komponiert ihr Lied „We are stardust, we are golden“ - „Wir sind Sternenstaub, wir sind golden, wir sind für den Garten Eden bestimmt“. Wir sind nicht nur Staub. Die Lesung sagt uns: Gott hat seinen Atem in uns gelegt. Sein Geist befähigt uns, Zustände zu ändern, zu wandeln – hin zu mehr Leben für alle. Wir sind Sternenstaub, wir sind golden. Gottes Licht leuchtet in uns.