Spiritualität

Predigt zum 4. Fastensonntag

Wenn ich an bloße Füße denke, dann fallen mir Bilder ein: winzige nackte Babyfüße; bloße Füße von einem Tagesgast im Gasthaus, der oft barfuß läuft; Füße von Pilgern mit dicken Wundblasen; Füße bei einem Strandspaziergang am Meer.

Nicht alle Füße gehen ihre Schritte mit Freude. Wie dieser verletzte Fuß auf dem Hungertuch sind einige Füße durch Leiden und Schmerz verstümmelt. So berichtet ein Ordensmann auf den Philippinen: Ich habe die kalten Füße von Drogenabhängigen gesehen, die von der Polizei brutal getötet in den Gassen lagen. Ich habe die nackten Füße von hungernden Männern, Frauen und Kindern gesehen, die ziellos durch die Straßen laufen und nach Nahrung suchen. Ich habe Füße voller Schlamm gesehen, als Menschen versuchten, das zu retten, was der verheerende Taifun von ihrem Zuhause übrig gelassen hatte.

„Du stellst meine Füße auf weiten Raum“, heißt es in Psalm 31. Der Psalm ist vermutlich so etwa 2500 Jahre alt und zur Zeit des babylonischen Exils entstanden. Der Beter/die Beterin verarbeitet darin Erfahrungen von Krankheit, Einsamkeit und Verzweiflung. Als Lesende oder Hörende werden wir mitgenommen in ein Auf und Ab der Gefühle zwischen Ausweglosigkeit und Zuversicht. Aus der Enge der Angst werden wir in die Weite der Hoffnung und des Vertrauens geführt. Gott, so erfährt der Beter, die Beterin, stellt unsere Füße auf weiten Raum. Der jüdisch-christliche Gott ist ein Wegbegleiter, der uns auf wechselnden Pfaden zur Seite steht.

Enge und Weite: In der Corona Pandemie sind beide zu erfahren. Wir erfahren uns als hilflos ausgeliefert in einer Weise, mit der wir nie gerechnet hätten. Gewissheiten sind erschüttert. Die Pandemie deckt die sozialen Ungleichheiten im nationalen und internationalen Zusammenhang auf. Einsamkeit gehört zum Alltag nicht weniger Menschen. Angst bestimmt das Leben und Handeln so Vieler. Angst kommt von Enge.

Auf der anderen Seite öffnen sich Horizonte, macht die Pandemie deutlich, was auch vorher galt: Alles gehört zusammen, alle sind miteinander verbunden. Solidarität ist gefragt. Wir können in Europa nicht abgeschottet vor uns hin leben wie auf einer Insel. Für das Virus sind Grenzen nicht existent. Eine erfolgreiche Bekämpfung der Pandemie geht nur gemeinsam mit allen Menschen der Welt.

Auch auf dem Hungertuch von Lilian Moreno Sánchez gibt es diese zwei Perspektiven von Enge und Weite. Mit Zeichenkohle hat die Künstlerin in schwarzen Linien die gebrochenen und verdrehten Knochen vom Röntgenbild des verletzten Fußes umrissen – der Fuß eines Demonstranten in Chile, der von der Polizei brutal verletzt wurde. Wie schwarze Wollfäden sind die Linien im mittleren Teil des Bildes chaotisch zusammengeknäuelt: gestaucht, unauflösbar eng. Und doch scheinen die Linien zu tanzen. Neuer Raum tut sich auf hinter der Gewalt und der Zerstörung. Wo ist der Weg ins Weite – heraus aus der Enge?

Im Evangelium spielt Jesus auf eine Begebenheit aus der jüdischen Bibel an: Wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, sagt er. Das Johannesevangelium hat für Magie nichts übrig. Es gibt zum Beispiel keine einzige Erzählung in diesem Evangelium, die von Dänonenaustreibungen handelt. Da ist es umso erstaunlicher, dass der Evangelist Johannes sich ausgerechnet auf diese merkwürdige Geschichte aus dem ersten Testament bezieht.

Die Israeliten waren nach ihrem Auszug aus Ägypten in der Wüste unterwegs. Irgendwann kommen Giftschlangen ins Lager und beißen die Menschen. Sie sind Spiegelbild der Situation: Sinnbild der vergifteten Atmosphäre unter den Menschen. Auf das Wort Gottes hin befestigt Mose eine Kupferschlange an einem Stab. Wenn die Menschen zu ihr aufsehen, werden sie wieder geheilt. Ist es eine magische Kraft der Kupferschlange? Oder ist es ein Über-sich-selbst-hinaus-Blicken, über die eigene Angst und die Suche nach dem Schuldigen? Die hoch aufgerichtete Skulptur der Schlange wird für die Israeliten zur Mahnung, das Gift wahrzunehmen, das da unter ihnen wirkt. Und die Schlange wird zum Symbol der Rettung, weil das Wahrnehmen des Giftes und die damit verbundene Änderung der Blickrichtung heilsam sind.

Welches Gift wirkt unter uns? Die Leute schauen einen nicht mehr an, hat mir vor kurzem jemand gesagt. Was heilt eine verstümmelte Welt, die durch Krankheit, Angst, Ungleichheit, Hunger und Gewalt eingeschlossen ist (locked down)? Beim Anschauen des Hungertuches kann man nicht nur den Schmerz erkennen, sondern auch eine Kraft, die Einen Prozess der Umkehr anstoßen will. Es geht. Anders. So lautet das diesjährige Motto der Misereor Fastenaktion.

Du stellst meine Füße auf weiten Raum. Ich möchte Sie einladen, sich einen Moment Zeit zu nehmen, darüber nachzudenken, ob und wo Sie in dieser Woche einen persönlichen Schritt ins Weite tun können. Einen heilsamen Schritt. Wie können Sie mit sich selber neu in Kontakt kommen? Welcher Mensch könnte von Ihnen mit Aufmerksamkeit beschenkt werden? Welchen kleinen Schritt könnten Sie in dieser Woche gegen den Klimawandel gehen? Wo und wie könnten Sie in dieser Woche entdecken, dass weniger so viel mehr ist? Ihrer Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Wenn Sie mögen, notieren Sie sich einen geplanten Schritt auf dem kleinen Fußzettel auf Ihrem Platz. Er soll nur für Sie persönlich als Gedankenstütze gedacht sein. Du stellst meine Füße auf weiten Raum.

 Sr. Judith Kohorst