Spiritualität

Impuls zum Karfreitag

 

Mit dem Karfreitag ist Jesus – wie Christen es im Credo versucht haben zu fassen:

„hinabgestiegen in das Reich des Todes“ - zu dem Ort, wo das Wort Liebe nicht mehr hin dringt. Das Reich des Todes: Ort tiefster Verlassenheit und verzweifelter Einsamkeit.

Man kann das glauben oder nicht: die Botschaft des Bildes jedenfalls ist die: Jesus geht dem menschlichen Leiden auf den Grund, er geht ihm nach bis in den tiefsten Abgrund. Er macht keinen Bogen darum.

Gesellschaftlich ist bei uns der Tod weggerückt aus dem Leben. Man begegnet ihm in erster Linie auf dem Bildschirm, mitten in der Wohnung zwar, aber anonym und ohne persönliche Betroffenheit – oder in der Statistik der Coronatoten – als vermittelte Nachricht seit mehr als einem Jahr.

Dafür rückt einem der Vor-tod näher: Ein Mensch, der einem vertraut war ver-schwindet – weg aus dem Gesichts- und Betroffenheitsfeld. Die „Hölle“ heute trägt den Namen Pflegeheim / Demenzstation oder Krankenhaus / Intensivstation. Ich glaube, dorthin würde Jesus heute hinabsteigen, um dem Leid der Menschen auf den Grund zu gehen.

„Hölle Pflegeheim / Demenzstation“

Er würde zu den dementen Alten gehen, die zu oft ausgelagert sind aus dem Gemeinwesen, weil sie so viel von dem verlernt haben, was man von erwachsenen Menschen erwartet: das Lesen, das Sprechen, das Anziehen und öfters sogar das Essen. Manchmal aber können sie Dinge, von denen keiner bisher gewußt hat, dass sie sie können, nicht einmal sie selbst: sie können singen, Musik machen, sie können malen. Aber im Laufe der Zeit erlischt auch das. Es bleibt nichts. Offenbar nicht einmal die Erinnerung. Es bleiben nur das Lachen und das Weinen, es bleiben Verletzlichkeit, Aggression und die Melanchonie eines im Wortsinn ver-rückten Lebens: zu oft – einsam und allein.

„Hölle Isolierstation Corona“

Ich glaube, Jesus würde auch hinabsteigen zu denen, die mit Covid 19 auf den Isolierstationen, um ihr Leben kämpfend, dem Tode nahe, isoliert werden – total isoliert: ohne Besuch / ohne nahe Menschen in der Nähe in der letzten Phase ihres Lebens, ohne eine Stimme, die guttut, eine Hand, die hält, ein Gebet, das Vertrauen schenkt…, aber umgeben von Technik, die die Atmung aufrecht erhält und die Distanz.

 

Der Mensch- hier wie da - , der einem vertraut war, verschwindet. Entgeistert steht man vor dessen Veränderung, die einen als dessen Ent-geisterung erscheint. Und mit dem Geist, so glauben zu viele, verschwindet die Würde.

Das ist falsch: die Würde verschwindet nicht; sie wird einem genommen in einem Gesundheitssystem, das Pflege im Alter auf das Allernotwendigste beschränkt und Isolierung in der Pandemie bis zum Exzess betreibt. Solche Würdelosigkeit ist viel schlimmer als der Tod, sie ist ein langer Karfreitag – gewindelt, gefüttert, beatmet, verlacht und verspottet, gekreuzigt, gestorben und begraben.

Wer Demenz begegnet, begegnet der eigenen Angst; mit ihr bleibt jeder allein in einer Welt, die auf Leistung getrimmt ist: die Angst davor, die Kontrolle über sich zu verlieren; der Angst davor, umfassend angewiesen zu sein andere; der Angst davor, nicht mehr zu wissen, wer man selber ist.

Wer Covid 19 begegnet, begegnet der eigenen Angst, mit ihr kann es einsam um einen werden: der Angst vor menschlicher Begegnung, weil der Mensch Überträger ist; der Angst vor dem Lebensverlust, weil ich den Tod nicht eingeplant habe bei mir...der Angst vor…

 

Zu Ostern ist viel von Erlösung und Auferstehung die Rede. Erlösung: bei diesem Wort denken heute bezeichnenderweise viele eher an Freitod und Sterbehilfe als an ein ewiges Leben. Und natürlich aktuell an Erlösung von Corona, „...damit alles wieder so wird, wie es war…“

 

Wer wird durch den Freitod erlöst? Erlöst sich der ältere Mensch selbst – oder erlöst sich die Gesellschaft von ihm als Belastung. Gibt sich der alte Mensch zur Entlastung der Gesellschaft gehorsam selbst auf und folgt mit dem Freitod einen unausgesprochenen gesellschaftlichen Verlangen? Kann es sein, dass die Alten, wenn sie nicht mehr aktives Mitglieder der Gesellschaft sind, allein durch ihre bloße Existenz als Infragestellung dessen gelten, was für normativ gehalten wird: Leistung, Fitness, Produktivität? Man sollte sich vor moralischer Bewertung des immer besonderen Einzelfalls hüten.

Hinabgestiegen in das Reich des Todes und österlich aufgefahren / auferstanden – heißt aber auch: die Entscheidung für den Tod und der Einsatz für das Leben sind nicht gleichrangige Optionen für den, der das glaubt. Darum halte ich das seit dem 26.2.2020 geltende Grundrecht auf assistierten Suizid für nicht unproblematisch.

Erlösung hat auch den Aspekt, die Sichtachse auf das Leben offen zu halten – durch palliativmedizinische und palliativpflegerische Instrumente und auch psychosoziale, spirituelle und seelsorgerische Angebote. Da ist vieles möglich, vieles mehr als Träger ermöglichen, auch christliche Träger…. Als Orte des Respektes der Würdigung und des Personenschutzes für Menschen in verzweifelter, auswegloser Lage - könnten sich christliche Einrichtungen auszeichnen.

 

Und in Blick auf die Corona-Situation: Kann das „Kreuz“ von Corona uns nicht neu einen Blick eröffnen für das, was wirklich wertvoll ist in unserem Leben? Die z.Z. notwendige Distanz macht uns deutlich, wie sehr wir menschlich aus Beziehung und von Nähe leben. Das gilt für mitten im Leben stehende Menschen – wie für Sterbende. Der Umgang damit in dieser Zeit kann uns etwas mitgeben für die Zeit danach. Auch der Wert von Zeit selbst und ihrer Füllung kann eine neue Wertschätzung erfahren… / unser Umgang mit den Gütern in unserer Zeit, die uns als Schöpfungsgaben nur auf Zeit gegeben sind…

Einmal „Hölle“ – muß nicht „Hölle“ bleiben – weil es da jemanden gab – der hat da keinen Bogen herum gemacht: und doch wurde ER daraus befreit...darum ist sein Kreuz ein Hoffnungszeichen für unsere Kreuze, um die wir – wie bei Corona – keinen Bogen machen können, die aber auch nicht das Letzte und Abschließende sind.