Spiritualität

Osterimpuls 2021

OsternGastkMit Ostern verbindet sich Frühling, Sonne, Licht, neues Leben…

In diesem Jahr ist das im zweiten Jahr hintereinander wieder einmal etwas anders… Das Ostergefühl nach gut einem Jahr Corona ist eine Mischung aus Enttäuschung, Ohnmacht, Gereiztheit und zu-nehmender Ungeduld – trotz der äußeren Sonnenstrahlen zum Fest: unbeschwerte österliche Frühlingsfreude kommt jedenfalls nicht so wirklich auf…

Es ist – wie wenn ein großer Stein auf uns lastet.

Wer könnte uns den Stein wegwälzen?

Das kommt bekannt vor: so ähnlich war auch die Frage gerade im Evangelium – und möglicherweise ging es den Fragestellerinnen ähnlich wie uns zur Zeit: dass sie enttäuscht waren, dass sie ohnmächtig mit ansehen mussten, wie der Tod ihnen den lieben Menschen nahm, dass die Situation sie gereizt und ungeduldig gemacht hat…

Bestimmt von dem Gefühl und den Gedanken der Schwere – tut sich Überraschendes auf: „Den ihr sucht – er ist auferstanden und geht euch voraus nach Galliläa.“ Wir können nur ahnen, welche Hoffnung sich für die Frauen mit dieser Nachricht verbindet.

Da tut sich in der Last der Situation unglaublich Neues auf. Hoffnung bekommt Gestalt. Osterhoffnung bricht auf, was todsicher schien.

Was liegt für eine Hoffnung darin, dass der, der Heilung, Befreiung, eine andere Art des Mensch-seins und auch der Gottesverbundenheit eröffnet hat – nicht tot zu kriegen ist!

Hoffnung ist das Kraut gegen jede Todesmacht / gegen alles, was mit dem Anspruch der Endgültigkeit kommt. Hoffnung läßt die Welt und uns Menschen nicht zum Teufel gehen.

Das ist kein Plädoyer dafür, die augenblickliche Corona-Situation schön zu reden oder zu bagatellisieren. Auch nicht die anderen hoffnungslos scheinenden Gegebenheiten unserer Tage: die ökologische und eigentlich wirtschaftliche Krise, die soziale Krise und nicht zuletzt die absolute Kirchenkrise…

Die Kraft der Hoffnung steckt nicht in einem platten und blinden Optimismus. Sie sieht die Gefahren, aber verweigert dem Unglück und Unheil den totalen Zugriff. Und diese Verweigerung ist der Beginn neuen, hoffnungsvollen Lebens.

Corona ist schlimm: der Virus und der Umgang mit der Situation – aber es gibt auch ein Hineinsteigern und eine Lust am katastrophischen Denken – und dann ist es gut, dass es Menschen gibt, die sich die Hoffnung bewahren, die nötig ist, um eine Krise zu bewältigen. Wir brauchen als Menschen nicht nur die täglichen Inzidenzzahlen, sondern eine Hoffnung, die auf Selbstverantwortung und Freiheit – bei aller Vorsicht – setzt. Stillstand und absolute Isolation ist kein Lebensprinzip – und erhöht entweder die Depression oder die Aggression.

Heribert Prantl, ehem. Chefjournalist der SZ, griff in diesem Zusammenhang vor einiger Zeit die biblische Noach Geschichte auf, die wir heute gehört haben: Aus heiterem Himmel bricht die Katastrophe herein. Noah und die Seinen überleben, ja. Aber werden sie je wieder die Arche – zwar rettend, aber kein gemütlicher Daueraufenthaltsplatz - wieder verlassen können / festen Boden unter den Füßen bekommen? Warten. Ausharren ist angesagt. 150 biblische Tage – das drückt Unermesslichkeit des Schreckens aus. Will sagen: eine halbe Ewigkeit sind sie in der Schwebe zwischen Leben und Tod.

Und dann kommt der Tag, an dem der Regen aufhört. Man merkt das nicht sofort in der Gefahr… es dauert wieder Tage. Aber Noah fängt dann irgendwann an – die Luke zu öffnen / Ausschau zu halten – und tatsächlich kommt eines Tages die Taube mit einem Olivenzweig zurück. Die Coronawellen geben einem schon das Gefühl, dass man verschluckt wird wie im Bauch der Arche. Man kann dann erwartungslos werden, resignieren, verstummen. Noah öffnet irgendwann die Luke und lässt eine Taube fliegen. Sie kommt mit Hoffnung zurück.

In diesen Tagen konnten wir erleben – wie fragil das System der Weltwirtschaft aufgestellt ist. Die „Ever given“ mit 13800 Containern an Bord hatte sich blockierend quer gestellt – und fortan gab es über dieses eine Schiff täglich mehrfach Nachrichten bei uns und ich denke in allen Staaten der 1. Welt. 6-10 Milliarden Dollar kostete diese Blockade die Weltwirtschaft pro Tag. Die Lieferkette ist so eng getaktet, dass so ein Schiff halb Europa für bestimmte Bereiche ins Stocken bringt. Wie anfällig ist unser System, das überpolitisch agiert und funktioniert: ob die dahinterstehende Ideologie eine kommunistische, eine kapitalistische, eine sozialmarktwirtschaftliche ist… - ist gleichgültig – es muss nur laufen. Und da ist dieses System so verletzlich.

Welche Hoffnung tut sich auf, dadurch, dass Menschen nicht in einem solch fragilen System fraglos aufgehen und mitgehen, sondern Alternativen entwickeln. Die Frage nach dem ökologischen Fussabdruck ist eines der Kernelemente einer Veränderung – nicht nur Klimatisch. Und das bewegt Handeln: junge und auch ältere Menschen suchen nach hoffnungsvollen Alternativen – im Bilde Noahs: sie lassen die Taube fliegen – sich nicht nur treiben im Meer des „Immer-mehr“!

„Hoffnung“ ist nicht gerade ein „Pfund“ der amtlichen Kirche, wie sie sich gerade zur Zeit darstellt. Teile der Kirchenleitung tun sich – absolut nicht nachvollziehbar – schwer mit der Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs, hinzu kommt das Misstrauen des Vatikan gegenüber dem synodalen Weg hierzulande und die überflüssigen Verlautbarungen zum gemeinsamen Abendmahl auf dem ökum. Kirchentag, sowie der Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren. Da legt man eine Menge Steine in den Weg oder bürdet sie als Last den Menschen auf. „Wer könnte uns die Steine wegwälzen?“ - Haben nicht längst Christinnen und Christen die Luke geöffnet und die Taube fliegen lassen – in Hoffnung?! Ich denke an die vielen, die sich in der Flüchtlingsarbeit engagieren – trotz Gegenwindes, an die vielen Paare, die konfessionsverbindend ihren Weg gehen, an Bernd und Matthias, die als schwules Paar ihr 20 jähriges vor zwei Wochen still im Gottesdienst mit uns gefeiert haben, an die Jugendlichen, die sich in dieser Corona-Zeit spontan und freiwillig am Gasthaus gemeldet haben, um zu helfen und die zu ersetzen, die im Moment – aus guten Gründen - nicht dabei sein können, an Kreise von Christen, die zusammen das biblische Wort teilen und auch Brot und Wein, an Gemeinden, die sich in ihrem Stadtteil für Alte, Jugendlichen, Obdachlose… einsetzen – etwas bewegen…- in all dem: da steht am Ende nicht Tod und Teufel, sondern Hoffnung und Leben…- als Geschenk und Eröffnung Gottes durch, mit und für Menschen.

Diese Osterhoffnung brauchen Menschen, brauchen wir, braucht unsere Gesellschaft – selbst wenn die Kirchenleitung „versteinert“ ist und selbst wenn nur noch eine Minderheit glaubt, dass dieser Jesus aus Nazareth auferstanden ist...

Osterhoffnung bricht auf, was todsicher scheint. Was liegt in diesem Geschenk für eine Hoffnung!