Stichworte

„neulich“        -       ElendArmut 2

Die Straßenbahn war rappelvoll. An der Haltestelle näherte sich mit Trippelschritten ein älterer Mann – das personifizierte Elend. Die Füße in den Sandalen waren schwarz, offensichtlich nicht nur vom Schmutz. Die Kleidung schien er nie zu wechseln. Umgeben von einer Gestankwolke aus Schweiß, Urin und Alkohol, hangelte er sich mit der rechten Hand in die Bahn, während die linke eine Flasche Fusel umklammerte. Mit ausdrucklosem Gesicht beobachtete er, was jetzt kam: Wie in Panik flüchteten die Menschen um ihn herum, möglichst weit weg ans andere Ende der Bahn. Schnell stand er allein zwischen vielen leeren Sitzen. Bevor er Platz nahm, drehte er sich zu einer Dame um, die stehen geblieben war, und bot ihr mit einer angedeuteten Verbeugung den Platz neben sich an. Ohne zu zögern, setzte sie sich und blieb mehrere Stationen neben ihm sitzen, bevor sie sich mit einem Kopfnicken verabschiedete. Ursprünglich, bevor das Wort „Elend“ in der Bedeutung „Not, Armut, Unglück“ verwendet wurde, bezeichnete es den Fremden, den Ausgestoßenen, der aus der Gemeinschaft verbannt und ausgeschlossen war.

                                                                                                                   Hans Peter Heinrich