Spiritualität

Gottesdienst am 6. Juni: Der Baum der Erkenntnis

Eva

Einführung:

Spruch auf einer Postkarte: Hätte Eva damals die Schlange gegessen und nicht den Apfel, wären wir heute noch im Paradies. Immer diese Vegetarier.

 

Es ist einer der am meisten bekannten Texte der Bibel, den wir heute als Lesung hören. Es ist einer der am häufigsten interpretierten Texte der Bibel… und es ist einer der am meisten missverstandenen Texte der Bibel. Unzählige Vorurteile leiten sich daraus ab.

 

Gemeint ist die sogenannte Sündenfallerzählung aus dem ersten Buch der hebrä-ischen Bibel. Sie gehört zur „Urgeschichte“, also den Erzählungen, die im echten Sinn Ursprüngliches über den Menschen, sein Wesen und seine Beziehungen zu sagen haben. 

 

Unzählige Male wurde die Szene, in der Eva – verführt von der Schlange - einen Apfel vom verbotenen Baum pflückt, in Bildern dargestellt. So oft, dass schließlich jeder zu wissen glaubte, dass die Geschichte so in der Bibel steht. Aber von einem Apfel ist dort nirgends die Rede…

Es lohnt sich, einmal unter die verkrustete Schicht der Vorurteile zu schauen. Was sagt der Text wirklich über die Beziehungen des Menschen und die Suche nach gelingendem Leben?

 

Kyrie:

Wenn wir anfangen, zu vergleichen, anstatt zu staunen: erbarm dich, Gott.

Wenn wir abwerten oder überhöhen, anstatt um Größe und Grenze zu wissen: erbarm dich, Gott.

Wenn wir danach streben, Kopie zu werden anstatt Original: erbarm dich, Gott.

 

Gebet:

Gott, wertvoll hast du uns gedacht

und einzigartig uns geschaffen,

nach deinem Ebenbild.

Deinen Atem hast du uns gegeben,

uns geschickt, Leben zu gestalten,

zu bewahren und weiterzugeben.

Lass deinen Geist in uns wirken.

Lass unsere Lebendigkeit ansteckend sein,

dass wir als Töchter und Söhne Evas

für alles Leben einstehen,

und allem entgegentreten, was es bedroht.

Darum bitten wir in Jesu Namen. Amen.

 

Lesung aus dem Buch Genesis:

Nachdem Adam von der Frucht des Baumes gegessen hatte, rief Gott, der Herr nach ihm und sprach zu ihm: Wo bist du?
Er antwortete: Ich habe deine Schritte gehört im Garten;
da geriet ich in Furcht, weil ich nackt bin, und versteckte mich.
Darauf fragte er: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist?
Hast du von dem Baum gegessen, von dem ich dir geboten habe,
davon nicht zu essen?

Adam antwortete: Die Frau, die du mir beigesellt hast, sie hat mir von dem Baum gegeben. So habe ich gegessen.
Gott, der Herr, sprach zu der Frau: Was hast du getan?
Die Frau antwortete: Die Schlange hat mich verführt. So habe ich gegessen.


Da sprach Gott, der Herr, zur Schlange:
Weil du das getan hast, bist du verflucht unter allem Vieh und allen Tieren des Feldes. Auf dem Bauch wirst du kriechen
und Staub fressen alle Tage deines Lebens.

Auslegung:

„Die kleine Stadt war der Mittelpunkt der Welt. Und in der Kirche wohnte der liebe Gott. Da war er noch nicht tot. Da hat er sich noch um alles gekümmert.“ So erinnert sich Udo Lindenberg in einem Lied an seine Kindheit. Die Geschichte vom Garten Eden ist auch eine „Früher-war-es-noch-anders-Geschichte“. Sie versucht Antwort zu geben auf die Frage: Warum gibt es so viele Probleme in unseren Beziehungen? Warum ist manches im Leben so schwer? War es früher anders? Hat Gott sich um alles gekümmert?

 

Die Geschichte von Adam und Eva kennen wir alle. Jahrhundertelang wurde sie auf bestimmte Weise interpretiert. Diese Vorerfahrungen mit dem Text machen es manchmal für uns schwer, einen unbefangenen Blick auf den Kern der Geschichte zu richten. Vorurteile überlagern den Zugang. Er muss erst frei gelegt werden.

Die eine Lesart, die verhindert, dass wir uns der ursprünglichen Aussage der Erzählung nähern, ist die Lesart, den Text als eine Geschichte über die Sünde zu begreifen. Die Erzählung vom Sündenfall, so wird sie ja genannt. Dieses Missverständnis beginnt schon mit der Bezeichnung des Baumes: Der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse. Die semitische Sprache greift aber gerne auf Gegensatzpaare zurück, wenn sie die Gesamtheit ausdrücken will. Manchmal machen wir das ja auch und sagen z.B.: Es war ein Fest für Jung und Alt; gemeint ist nicht ein Fest für die Jungen und für die Alten, sondern für alle. So meint auch „Erkenntnis von Gut und Böse“: Ein Wissen über das ganze Leben: über all das, was Leben fördert – und über all das, was Leben verfehlt und es verhindert. Die Bibel nennt es Weisheit.

Dieses Wissen ist nicht absolut zu haben. Es kann nicht einfach vom Baum gepflückt werden ohne die Beziehung zu dem, der diesen Baum gepflanzt hat. Wir Menschen sind auf Beziehung angelegt. Wenn der Mensch sich von der Beziehung lossagen will, wenn er das Wissen autonom aus sich selbst und für sich selbst haben will – dann verfehlt er sein tiefstes Wesen, so sagt uns die biblische Erzählung. Die Weisheit ist nicht ohne die Verbindung zu Gott und ohne die Beziehung zueinander zu erlangen. Der Verfasser benutzt hier ein schönes Wortspiel: Die Schlange wird als schlau und scharfsinnig vorgestellt: hebräisch arum. Die Menschen wollen schlau werden. Weil sie aber vergessen, dass Wissen losgelöst von Beziehung keine Weisheit ist, darum werden sie nicht arum, klug, sondern arom, nackt.

Der Genuss von den Früchten des Baumes führt folgerichtig dazu, dass die Menschen ihre Nacktheit erkennen, das heißt, ihre Verwundbarkeit. Als sie noch in vollem Vertrauen zueinander und zu Gott lebten, mussten sie ihre Schwächen nicht verheimlichen oder schützen. Nun aber schleicht sich Misstrauen in die Beziehungen des Menschen ein. Sie verstecken sie sich voreinander und vor Gott. Aus Vertrauen und Nähe wird Distanz und Misstrauen.

Mit der Loslösung aus der vertrauensvollen Beziehung geht einher, dass Adam und Eva sich weigern, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen. Von Gott zur Rede gestellt, ob sie von dem Baum gegessen haben, weichen sie aus und beschuldigen einander und die Schlange. „Niemand“ hat es getan. Diese Zurückwei-sung einer Verantwortung verhindert aber weiter ein Leben in Beziehung, weil sie die Solidarität zerstört, die grundlegend ist für jede Gemeinschaft. Die Distanzierung vom anderen wird in Kauf genommen, um die eigene Position zu festigen.  

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht: Mir fallen heute in der Kirche ganz aktuelle Beispiele ein. Um es von der positiven Seite aufzurollen: Da gibt es einen Kardinal Marx, der zurücktreten will, weil er erkannt hat, dass es in der katholischen Kirche nicht so weiter gehen kann: Nämlich, dass im Missbrauchsskandal die Schuld von einem zum anderen geschoben wird; dass auf die nackten Fakten von Gutachten gepocht wird, ohne die Beziehung zu den Menschen im Blick zu haben; zu den Menschen, die das Vertrauen in Bischof und Kirche verloren haben. Marx will Verantwortung übernehmen, weil im Missbrauchsskandal endlich jemand seine Verantwortung wahrnehmen muss, um den Opfern gerecht zu werden und etwas zu verändern.

Bleiben wir noch einen Moment bei dem Symbol der Schlange: Zur Zeit der Entstehung der Geschichte repräsentierte sie in vielen Kulturen die Weisheit und wird zum Teil sogar als Gottheit verehrt. Die vorliegende Erzählung legt uns vor Augen: Es gibt die Weisheit der Schlange, die wissen will um jeden Preis; ein Bestreben, das keine Grenzen achtet und dazu verleitet, nur auf sich selbst zu schauen. Um diese „Weisheit“ der Schlange in ihre Schranken zu weisen, holt Gott am Ende der Erzählung die Schlange von ihrem Podest, ihrer Überhöhung und verbindet sie wieder mit der Erde, aus der sie geschaffen wurde. „Auf dem Bauch sollst du kriechen und Staub sollst du fressen!“ (Gen 3,14) Es gibt aber auch die Weisheit Gottes, die eingebunden ist in Beziehung und Vertrauen; eine Weisheit, die Gemeinschaft im Blick hat. Auch für heute legt die Erzählung uns die Entscheidung vor: Geht es um Fortschritt um jeden Preis – oder geht es darum, auf Beziehung zu setzen und auf der Erde das Wohl aller Menschen im Blick zu behalten.

Noch ein Wort zu einer Lesart, die jahrhundertelang die katastrophalsten Folgen hatte: die frauenfeindliche Lesart. Weil Gott dem Menschen, dem Erdling, also Adam, eine Gehilfin machen will sieht diese Lesart in der Frau eine Art Aushilfskraft, eine Person in untergeordneter Position. Das hebräische Wort Ezer wird aber in der Bibel häufig auch auf Gott hin verwendet, z.B. im Psalm: „Meine Hilfe (Ezer) kommt vom Herrn.“ (Ps 121,2) Eine kraftvolle und kompetente Hilfe nach seinem Abbild schafft Gott: Einen Beistand, der dem Menschen entspricht, eine Weggefährtin auf Augenhöhe. Gott erkennt: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist. Erst die Beziehung macht den Menschen zum Menschen.

Die frauenfeindliche Lesart geht davon aus, dass Eva allein mit der Schlange spricht und anschließend Adam verführt. Der Text sagt aber: Adam ist bei Eva und zeigt keinerlei Abneigung, von der Frucht zu essen. Die Verführung ist also in keiner Weise nötig. Warum aber spricht nur Eva mit der Schlange? Frère John aus Taizé schreibt: Die Hilfe, der Beistand, den Gott für den Menschen schafft, erinnert in seiner Formulierung fast an den Beistand, den Jesus seinen Jüngerinnen und Jüngern verheißt. Eva ist also für den Dialog mit der Schlange das Beste, was die Menschheit in diesem Moment aufzubieten hat. (Vgl. Frère John, Taizé: Unser Woher und unser Wohin) Und trotzdem reicht ihre Kraft nicht aus: Ebenso wenig kann Adam einen anderen Weg einschlagen.

Es ist nicht die Absicht des biblischen Textes, die Fehler des Menschen aufzuzeigen und den Verlust seiner Unschuld zu betrauern. Die Geschichte steht am Anfang der Bibel und will uns vor Augen führen, was die gesamte Bibel weiter entfaltet: Gott hört nicht auf, nach seinen Menschen zu suchen. Wenn er sich auch nicht um alles kümmert, wie Udo Lindenberg es besingt: Aber um die Menschen will er sich kümmern. Egal, welche Wege die Menschheit geht, welche Entscheidun-gen sie trifft. Gott ruft weiter: Mensch, wo bist du?

Sr. Judith Kohorst