Spiritualität

Gedanken zu „Gott lässt die Bäume nicht in den Himmel wachsen“

Am Ende des Säens Jesu steht das Kreuz, dass wir nicht „wegverherrlichen“ können.

Am Ende der Missbrauchsstudie der Deut. Bischofskonferenz steht die Erkenntnis:

es gab und gibt viele Opfer sexuellen Missbrauchs in kirchlichen Zusammenhängen und dafür gibt es, neben pers. Versagen, auch kirchensystemische Gründe – bis dahin, dass man zu der Erkenntnis kommen kann: Wir sind als amtl. Kirche an einem toten Punkt.

Was in so einem Sinnwort: „Gott lässt die Bäume nicht in den Himmel wachsen“ an Hoffnung steckt, kommt dramatisch erst heraus, wenn wir es am eigenen Leibe buchstabieren, ...schmerzhaft uns dessen vergewissern: als Menschen, als Christen, als Kirchen – mit unserem Größenwahn, unserem Heilandskomplex, mit unserer gefälschten Selbstsicherheit.

Im Hintergrund der gerade gehörten Lesung stehen seitenlange Gerichtsandrohungen über Jerusalem und Juda, und längst hat sich alles erfüllt: im Jahre 587/586 vor Christi Geburt wird der Tempel zerstört, der König geblendet, das Volk in seinen Repräsentanten exiliert. Und der unerbittlich das Grauen verkünden musste, der Prophet mit dem hellsichtigen Blick für den Gang der Geschichte, war zuvor schon, bei der ersten Deportation nach Babylon verschleppt worden.

Dort im Exil mutet Gott ihm eine neue Prophezeiung zu. Als wäre es mit der ersten Katastrophe nicht schon genug, muss er eine zweite ankündigen: so eigensüchtig, so selbstherrlich sind die Regierenden in Religion und Leben seines Volkes, dass sie immer noch nicht verstanden haben... Schmerzhaft muss ihnen beigebracht werden, dass sie das Volk in die Irre führen und nur ihrem Größenwahn folgen…

 

Aber wir haben gerade noch die Hoffnungsworte der Lesung im Kopf von einem neu gepflanzten Baum, prächtig sich entfaltend – mit Früchten und Vögeln in den Zweigen... : ein Widerspruch?

Nein: Die Verheißung des gerade gehörten prophetischen Wortes hängt an der Verkündigung dessen, was Gottes Willen widerspricht – und dass das angenommen wird - in Blick auf Umkehr und Neubeginn.

Ja, Jahwe wird den Baum Israel neu pflanzen – das setzt aber die Entwurzelung aus den alten Strukturen voraus. Das hat der Prophet zu verkündigen: Die Lage, so seine Botschaft, ist total ausweglos, ...das bisherige ist endgültig am Ende – alles andere ist Wunschdenken und Schönfärberei / Selbst- und Fremdbetrug…

 

Wer denkt da nicht an den aktuell zitierten Satz von Kardinal Marx vor gut 10 Tagen: „ Wir sind an einem toten Punkt“ - auf dem Hintergrund der gegenwärtigen absoluten Krise der amtlichen katholischen Kirche hierzulande und darüber hinaus.

Reinhard Marx zitiert Alfred Delp damit, einen jesuitischen Priester, der im Winter 1944/45 in Gefangenschaft in der Einzelzelle in Berlin-Tegel, die Hinrichtung durch die Nazi-Justiz vor Augen – schreibt, dass die Kirchen sich „durch die Art ihrer Daseinsweise“ selbst im Weg stünden. Delp haderte mit den Kirchen, die den Nationalsozialismus nicht hatten verhindern können, weil sie ihre Rechtgläubigkeit, ihre Absicherung – sprich Reichskonkordat – und den Schutz ihres Milieus über die Solidarität mit den Gefolterten / den Opfern / den Menschen stellten.

Die Wirklichkeit – aus der Delp herausruft – ist eine andere als unsere „Jetzt-Wirklichkeit“ als Gesellschaft und Kirche – und doch gibt es verbindendes. Denn auch jetzt gilt: Es hilft da kein: „es wird schon wieder“ - oder ein: „Krisen hat es immer gegeben – und die Kirche hat schon manches überlebt“ - Nein, nein, nein…

Die Lage ist katastrophal und die amtliche Kirche vielfach gefangen / die Botschaft Jesu ist aus vielen Amtsstuben und Pontifikalämtern ausgezogen… - und mit dieser Entwicklung viele Menschen: 1,9 Millionen Christen/Innen in den letzten 10 Jahren bei uns.

Zu glauben, man sei selbst Gott – als „Gottesvertreter“-in Größenwahn mit Heilandskomplex und Menschen Lasten aufzubürden / Menschen im guten Willen und in ihrer Sexualität zu missbrauchen – statt Hilfe und Segen zu schenken … - das hat einen hohen Preis…

 

Die alttestamentlichen Gläubigen haben im Wort des Propheten verstanden, dass Gott seinem Volk – insbesondere der Führerschaft – die Leviten liest und eine Lektion erteilt.

„Worte des lebendigen(!) Gottes“ haben wir eben gesagt zu diesem Prophetenwort.

 

Erst wo ein bestimmter Weg, eine bestimmte Gestalt von Glaubensgemeinschaft so am Ende ist, wo sie den Nullpunkt durchlitten hat, kann das Wunder der Verheißung aufleuchten: „So spricht der Herr: Ich selbst nehme ein Stück vom hohen Wipfel der Zeder und pflanze es ein.“ Ich selbst – niemand sonst.

Dass Israel wieder aufsteht / aufersteht, verdankt es Ihm allein. Es ist die Botschaft des Propheten: Gottes Volk unter den vielen Menschen verdankt sich einzig der Treue seines Gottes – nicht der vermeintlichen Macht oder Klugheit seiner Leiter und Repräsentanten, nicht der moralischen Nachrüstung seiner Mitglieder…

Ich glaube, dass das die – ich sage das vorsichtig, leise (ohne Schadenfreude) - frohe Botschaft in dieser fundamentalen Kirchenkrise unserer Tage ist: Es braucht ein Sterben um echtes Leben/ echten Glauben wiederzufinden. Und es geht dabei um das Reich Gottes – mit der Umwertung aller Werte: wo der hohe Baum niedrig wird und der niedrige hoch / wo der gründende Baum verdorrt und das Verdorrte erblüht…

Gott stößt manchmal einen Neubeginn an – durch ein „Sterben“.

In unserer amtlichen Kirche muss noch vieles Sterben und ganz vieles „umgewertet“ werden– und vielleicht auch bei mir / bei uns, weil wir manches auch verinnerlicht haben, es auch zu unserem Kirchenbild geworden ist.

Das steht fest: Es gibt keine Flucht aus der Krise. Sie muss durchlebt werden, will angeschaut sein, Veränderung gebären – und Gott mit der Saat des Reiches Gottes – wieder in die Mitte stellen. - so ist die Erfahrung unserer Glaubensweges im „ab und auf“.

 

Und dann entdecke ich auch: es wächst schon das Neue:

Wo Menschen sich die Akzente Jesu nicht nehmen lassen, sondern ihr Leben damit füllen – und ausstrahlen...-in Selbststand, aber nicht falscher Selbstsicherheit.

Wo Gottes Idee von seiner Schöpfung und Gerechtigkeit ins Spiel kommt – und auftaucht -jenseits aller Kirchenamtlichkeit: ob bei Frydays for future oder Amnesty

Wo Christen/Innen das Wort Gottes und die Gemeinschaft Jesu immerwieder in die Mitte stellen und sich gegenseitig bereichern mit diesen Quellen – wie ich es in den Basisgemeinden in Brasilien erleben durfte und in kirchenkritischen Kreisen hierzulande…bescheiden – ohne Heilandskomplex- und doch: Geist-voll!

 

„Ich pflanze ein … und führe es aus“ – so ist die Lesung als Wort Gottes gerahmt.

Es ist der lebendige Gott, der neu anfangen lässt.

Man kann der Kirchenleitung nur Gottvertrauen wünschen, weil es um das Einpflanzen / Säen / Erden – des Reiches Gottes geht – und um nichts anderes.

Dafür hat die Leitung im Volke Gottes als „servus servorum“ (Diener am Diener Jesus) - Voraussetzungen zu schaffen: in Verbundenheit mit den Mitglaubenden, insbesondere einer Solidarität mit den Opfern und in Offenheit für Gottes prophetischen Geist in unserer Zeit.

Ein in solcher Atmosphäre gepflanzte Baum / eine unter solchen Voraussetzungen gelegte Saat - wächst doch in den Himmel, denn dort hat dieser Baum / diese Saat ihre Wurzeln.

Und uns wünsche ich auch Gott- Vertrauen in und auf diesem Weg existentieller Krise.