Spiritualität

Wort-Gottes-Feier mit Agape am 12.9. Thema: Fragment

Schale mit Kerze

Einführung:

Sie sind jung und attraktiv, sportlich, dynamisch, gesund und intelligent, wohlhabend und kreativ. Sie haben Erfolg, sind beliebt und gestalten ihre Freizeit aktiv und sportlich: Menschen in der Fernseh-Werbung.

„Wofür halten die Leute mich?“, fragt Jesus seine Freundinnen und Freunde. Und vielleicht schwingt da auch mit: Laufen sie mir nach, weil sie mich für einen dynamischen, powervollen, intelligenten und erfolgreichen Menschen halten?

„Ihr aber“, so weiter Jesu Frage, „für wen haltet ihr mich?“ Indirekt geht die Frage dann weiter: Könnt ihr damit umgehen, dass ich euch nicht von meinen großen Plänen und meinen Erfolgen erzähle, nicht als strahlender Sieger dastehen, sondern von meinem Scheitern spreche, von der Gewalt und dem Leid, dass ich auf mich zukommen sehe?


Kyrie:

Jesus Christus,

allmächtig

brauch ich dich

nicht,

nur spürbar.

Himmlisch

bist du mir zu fern

nur vertraut

mit der Erde

Herrlich und erhaben

ersehn ich dich nicht

nur hier

und nah,

nah,

nah. 


Gebet:

Du, den wir Gott nennen,

du wolltest nicht der machtvolle Sieger,

sondern der Gott-mit-uns sein.

Du hast uns Jesus gesandt, deinen Sohn,

damit alle, die im Schatten leben,

einen Bruder haben, der ihnen nahe ist.

In ihm berühre uns immer wieder neu!

Locke uns, seinem Beispiel zu folgen

und dich in den Geringen und Gebeugten,

in den Gescheiterten und Gebrochenen zu entdecken.

Bewege uns zu einem Perspektivwechsel,

lass uns wachsen in der Liebe,

Darum bitten wir in Jesu Namen.

Amen.

Evangelium Mk 8, 27-35


Ansprache

Eine Schale aus glasiertem Ton. Man kann Blumen darin pflanzen, oder etwas aufbewahren. Sie ist nicht gerade wertvoll, aber nützlich und schön. Was aber, wenn sie in zwei Teile zerbrochen ist? Haben die Scherben noch irgendeinen Wert?

Wir leben in einer Gesellschaft, in der vor allem Ganzheit und Stärke gewürdigt werden. Die SZ spricht sogar von einem „unerbittlichen Ganzheitszwang“ und nennt als Beispiel den Zwang einen schönen Körper haben zu müssen, und die Ablehnung gegen sich selber, wo man sich nicht perfekt findet. Sie zitiert den Theologen Fulbert Steffensky, der sagt: „Es gab eine Zeit, in der uns befohlen war, religiös und moralisch vollkommen zu sein, und das hat viel Unglück mit sich gebracht. Man war unfähig, sich als unvollkommen, als Fragment anzunehmen. Heute leiden Menschen oft unter der Unvollkommenheit ihres Körpers.“ Mehr als eine halbe Million Schönheitsoperationen werden pro Jahr in Deutschland durchgeführt.

Der Schönheitszwang ist aber nur einer der Ganzheits-Zwänge. Gesundheitszwänge, Jugendlichkeitszwänge, Perfektionszwänge, Erfolgszwänge vieler Art treiben Menschen ins Unglück und natürlichen vor allem diejenigen, denen keine Ganzheit und Stärke mehr gelingen. Steffensky formuliert: „Wir sind zum Siegen verdammt. Kann es aber glückende Niederlagen geben, wenn wir nur gelernt haben, der Welt als Macher, als Starker, als Sieger gegenüberzutreten?

Auch die Jünger Jesu tun sich schwer damit, die Siegerbrille abzusetzen. Mit glückenden Niederlagen können sie wenig anfangen. Was ist das für ein Messias, der von Leid und Scheitern redet? Es zählen doch nur die Starken, die Erfolgreichen, die Umjubelten. Die Verlierer stehen ganz unten auf der Skala. Kein Wunder, dass Petrus Jesus zur Seite nimmt und auf ihn einredet. Vergeblich. Jesus weist ihn äußerst schroff zurecht.

Die Ortsangabe im Evangelientext hat besondere Bedeutung. Cäsarea Philippi ist eine Stadt, die zur Ehre der römischen Kaiser umbenannt wurde. Dem Evangelisten dürfte bekannt sein, dass genau dort die römischen Legionen ihren Heerführer Vespasian 69 n. Chr. zum Kaiser ausgerufen haben, bevor sein Sohn im Jahr 70 Jerusalem grausam eroberte und den Tempel zerstörte. Gegenüber dieser äußeren politischen Macht zeichnet Jesus ein ganz anderes Messiasbild.

Jesus macht deutlich, dass es ihm nicht um Macht, Kraft, Stärke und Erfolg geht. Er sagt: Das ist nicht mein Weg und auch nicht der Weg Gottes. Gott schafft Unvollkommenheit, Schwachheit und Leid nicht durch einen machtvollen Zauberspruch aus der Welt. Sondern Gott ist einer, der das Zerbrochene ansieht und sich dem Zersplitterten zuneigt. Sein Weg führt nicht über die Straße der Sieger und Helden, sondern ist der Weg der unbedingten Solidarität mit den Schwachen und Notleidenden, mit den Opfern und Verlierern.

Diejenigen, die auf der Verliererseite stehen, denen keine Ganzheit mehr gelingt, die Alten, die Kranken, die wie immer Behinderten, die Obdachlosen, die Drogensüchtigen bezeichnet Steffensky als „das wundervoll Widerborstige und Anarchistische“ in einer Gesellschaft mit Ganzheitszwang. Sie legen Widerspruch ein gegen jeden Ganzheitswahn. Unsere Gesellschaft handelt oft nach dem Prinzip „alles oder nichts“. Menschen, deren Probleme unsere Gesellschaft nicht (ganz) lösen kann (Obdachlose, Drogensüchtige), werden dann schnell frustriert fallen gelassen und aus dem Blickfeld gedrängt. Darüber wird vergessen, dass Probleme, die nicht zu lösen sind, vielleicht zu lindern sind – und dass das schon viel ist.

Steffensky plädiert in seinem Text „Lob der Halbheit“ dafür, sich als ganzer Mensch im Fragment erkennen zu lernen. Die meisten Ehen, so Steffensky, gelingen halb, und das ist viel. Meistens ist man nur ein halb guter Vater, eine halb gute Lehrerin, ein halb guter Therapeut. Und das ist viel. Wer nur Ganzheiten erträgt, gerät in Panik, wenn er die Lebensverletzungen wahrnimmt. Niederlagen, Wunden und schließlich der Tod sind dann nur Orte dramatischer Sinnlosigkeit. Sie haben keine Nachricht für die Sieger.

Nachfolge Jesu heißt, seinen Weg mitzugehen und das eigene Bestreben loszulassen, auf der Siegerseite zu stehen, ganz und heil zu sein. (Der Evangelist gebraucht dafür die schwierige Formulierung „Sich selbst zu verleugenen.“) Aber genau darin, sich mit dem eigenen Unvollkommenen, dem Verletzten, dem Fragmentarischen zu versöhnen und sich den Schwachen und den Verlierern zuzuwenden, so verstehe ich die Worte Jesu, liegt paradoxerweise ein Lebensgewinn über alle Verluste hinaus.

In Christa Wolfs Erzählung „Kassandra“ weissagt die Seherin: „Wenn ihr aufhören könnt zu siegen, werdet ihr bestehen.“ Sie fährt fort: „Ich weiß von keinem Sieger, der es konnte.“ Und dann mit letzter Hoffnung: „So mag es, in der Zukunft, Menschen geben, die ihren Sieg in Leben umzuwandeln wissen.“ Es braucht keinen Siegespokal und keine vollkommene und ganze Schale. Das Evangelium lädt uns ein zu einer neuen Sicht, die das Lob der Halbheit singt. Es lädt uns ein, den Sieg in Leben umzuwandeln.

Sr. Judith Kohorst